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  Buchveröffentlichungen:


Thomas Harms & Manfred Thielen (Hg.)
Körperpsychotherapie und Sexualität
Grundlagen, Perspektiven und Praxis
Verlag: Psychosozial-Verlag
Buchreihe: Therapie & Beratung
325 Seiten, Broschur, 148 x 210 mm
Erschienen im Juni 2017
ISBN-13: 978-3-8379-2680-4
Preis Euro (D): 34,90

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Ulfried Geuter
Körperpsychotherapie.
Grundriss einer Theorie für die Klinische Praxis
Verlag: Springer
380 Seiten
Erschienen im März 2015
ISBN-10: 3642040136
ISBN-13: 978-3642040139
Preis Euro (D): 49,99

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Manfred Thielen (Hg.)
Körper-Gruppe-Gesellschaft
Neue Entwicklungen in der Körperpsychotherapie
ca. 440 Seiten
Broschur Preis Euro (D): 39,90
ISBN 978-3-8379-2236-3
Buchreihe: Therapie & Beratung
Erscheint im April 2013

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Manfred Thielen (Hg.)
Körper-Gefühl-Denken
Körperpsychotherapie und Selbstregulation, erschienen im Psychosozialverlag, Gießen,
2. korrigierte Auflage 2010.

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Narzissmus. Körperpsychotherapie zwischen Energie und Beziehung.
Manfred Thielen (Hrsg.); Schriftenreihe der Deutschen Gesellschaft für Körperpsychotherapie. Band 2. Berlin 2002 (veränderte Neuauflage), Ulrich Leutner Verlag.

 

   

Körperpsychotherapie zwischen Lust- und Realitätsbegriff.
Verein für Integrative Biodynamik (Hrsg.:)
Oldenburg 1994, Transform Verlag (vergriffen).

   


Trauma, Krise, Chance, Neubeginn:
Körperpsychotherapie bei narzisstischen Selbstwertkrisen
von Manfred Thielen

Narzisstische Menschen glauben, sie seien die „Allergrößten“, den Anderen überlegen, großartig und unerreichbar u.a., dieses Bild wird in der populärwissenschaftlichen Literatur gezeichnet (s. Psychologie heute, Juli 2004, S. 30 ff). In der klinischen psychotherapeutischen Praxis sind diese „Narzissten“ in ihrer Reinform allerdings selten anzutreffen, da sie höchstwahrscheinlich keinen Leidensdruck verspüren und deshalb keine Veranlassung sehen, einen Psychotherapeuten/in aufzusuchen. In der Praxis erleben wir eher narzisstische Menschen, die in sich in Teilbereichen als grandios erleben, aber vor allem durch starke Selbstwertschwankungen geprägt sind. Sie schwanken in ihrer Selbsteinschätzung zwischen Selbstüberschätzung und Selbstabwertung. In der klinischen Fachliteratur, z.B. in „Diagnostisches und Statistisches Manual psychischer Störungen DSM-IV-R „ wird als Hauptmerkmal der narzisstischen Persönlichkeitsstörung ein durchgängiges Muster von Großartigkeit in Phantasie oder Verhalten, von Überempfindlichkeit gegenüber der Einschätzung durch andere und von Mangel an Einfühlungsvermögen (Saß et al., 2003, 781). Vielfältige Forschungsergebnisse untermauern diese phänomenlogische Beschreibung und benennen weitere spezifische Merkmale wie Selbstwertschwankungen, Affekt-Labilität, Suche nach Anerkennung und Bestätigung, Dominanzverhalten u.a. (Sachse, 2002, 156 ff.).
Narzisstische Menschen schwanken in der Regel zwischen Gefühlen von Grandiosität und Minderwertigkeit, fühlen sich leer, dumpf, depressiv und sind leicht kränkbar. Sowohl in der Beziehung zu sich selbst als auch zu anderen unterliegen sie dem Mechanismus der Idealisierung und der Abwertung, als zwei Seiten ihres instabilen Selbstwertgefühls. Sie leiden unter ihrer Gefühlsabtrennung und sind zu tiefen, befriedigenden Beziehungen nur schwer oder nicht in der Lage. Der Psychoanalytiker und Selbstpsychologe Kohut (1992,S. 41) hebt hervor, das sie im Größen-Selbst leben und keinen bzw. wenig Kontakt zu ihrem Selbst haben. Kernberg (1993,s. 261 ff.) betont ihre emotionale Flachheit und Oberflächlichkeit, ihren starken Neid und ihr großes Aggressionspotenzial. Sie hätten die Tendenz zur Entwertung und zur Zerstörung innerer Objektimagines und äußerer Objekte.
Der Begründer der Bioenergetik Lowen (1986, S. 18) hebt als Hauptmerkmal der narzisstischen Störung die Gefühlsverleugnung heraus. Ihr liegen tiefe schizoide Spaltungsprozesse zugrunde.
Auch Miller (1994, S. 66 ff.) betont in ihrem „Das Drama des begabten Kindes“ die „verlorene Welt der Gefühle“ als kennzeichnend für die narzisstische Problematik.
Im Mythos ist Narcissus ein Jüngling von begehrenswerter Schönheit, der die Liebe der Nymphe Echo verschmäht. Er sieht sein Spiegelbild im Wasser und verliebt sich in sein Abbild. Er ist so auf sein Abbild fixiert, dass er die Quelle nicht verlassen kann und vor Schwäche zugrunde geht. Sein Leib verwandelt sich in eine Narzisse. In der Fassung des Mythos von Ovid gibt es bereits einen für Psychotherapeuten sehr wesentlichen Hinweis für die Heilung von Narzissten. Der Seher Teiresias wird befragt, ob Naricssus ein langes Leben haben werde. Er antwortet::“ Ja, wenn er sich nie erkennen wird.“ (Jacoby, 1985, S. 18). Im Mythos erscheint der Tod als Bestrafung für Narcissus´ Unfähigkeit, seine Liebe dem Anderen, Echo, zu geben. Die Prophezeiung des Teiresias kann jedoch im Sinne von sich selbst erkennen verstanden werden. Erst mit dem Sich- selbst -Erkennen ist Wandlung, Transformation der krankhaften Persönlichkeit und das Sterben der narzisstischen Anteile möglich. (ebda., S. 20)
Narzisstische Menschen leben primär für ihr Image, sie sind süchtig nach Anerkennung, Beachtung und Bewunderung. Sie leiden an ihrer Entleerung des Ichs und sind am äußeren Schein orientiert.
Die narzisstische Imageorientierung wird gesellschaftlich gefördert und auch produziert. In der postmodernen Gesellschaft ist der Erfolg, der äußere Schein, das Image wichtiger als innere Werte wie Authentizität, Zufriedenheit, Stimmigkeit, Macht-, Status- und Konsumsymbole haben einen höheren Stellenwert als ein reiches psychisches Leben und befriedigende zwischenmenschliche Beziehungen. Eine primär auf Profit orientierte Ökonomie prägt auch die interaktiven Kommunikationsformen, die pragmatische Kosten-Nutzen-Kalkulation steht im Vordergrund. Der Andere wird zum Instrument meiner Bedürfnisse und Interessen, insofern fördert die postmoderne, spätkapitalistische Gesellschaft die Herausbildung narzisstischer Lebensstile. (s. auch Lasch, 1982)

 

Frühkindliche Genese auf dem Hintergrund von Entwicklungspsychologie und Säuglingsforschung
Die genaue Bestimmung einer frühkindlichen Entwicklungsphase wird unter Narzissmusforschern kontrovers diskutiert. Für den an der Gesprächspsychotherapie orientierten Sachse (2002, 149) beginnt die narzisstische Entwicklung erst im frühen Erwachsenenalter. Doch die unterschiedlichen Richtungen der psychoanalytischen Theorie wie Selbst-Psychologie (Kohut, Tolpin, Wolf u.a.), Objektbeziehungstheorie (Kernberg, Jacobson, Mahler, Materson, Winnicott u.a.) und der Ich-Psychologie (A. Freud, Hartmann, Blanck& Blanck u.a.) stimmen darin überein, den Beginn der narzisstischen Entwicklung in der frühen Kindheit zu sehen. Johnson(1988), der die narzisstische Entwicklung umfassend aus integrativ humanistischer, tiefenpsychologischer und körperpsychotherapeutischer Sicht beschreibt, bezieht sich auf Mahlers Entwicklungsmodell der kindlichen Entwicklung, die sie als Phasen des normalen Autismus, der Symbiose und der Individuation beschreibt (Mahler/ Pine/ Bergman, 1992). Er hebt die Phase der Wiederannäherung an die Realität (15.-24.Monat) hervor.
Die Wiederannäherung ist in der Mahlerschen Entwicklungspsychologie eine Subphase des Loslösungs- und Individuationsprozesses von der Mutter. In dieser Phase geht es um die Getrenntheit des Kindes von der Mutter und Gefühle wie Verletzlichkeit und Begrenztheit. Idealisierung des anderen mit der fortbestehenden Illusion des Einssein mit diesem sind spontan auftretende Abwehrhaltungen des Kleinkindes gegen Gefühle von Verletzlichkeit, Ohnmacht und Abhängigkeit. In einer gelungenen Entwicklung werden Grandiosität und Idealisierung durch Anpassung an die Realität neutralisiert. Wenn aber von den Eltern diese Wieder- annäherungsphase, die mit adäquaten Frustrationen des Kindes verbunden ist, selbst narzisstisch besetzt wird, das Kind etwas Besonderes sein soll und idealisiert wird, dann werden Grandiositäts- und Grenzenlosigkeitsgefühle des Kleinkindes verstärkt. Und es kommt zu narzisstischen Störungen. Die primären Bezugspersonen, in der Regel die Eltern, vermitteln dem Kind Botschaften und Kernüberzeugungen wie:“ Sei nicht, wer du bist, sei der, den ich brauche. Der du bist, enttäuscht mir, bedroht mich, ärgert mich, überreizt mich. Sei, was ich will und ich werde dich lieben!“ (ebda. S. 54) Anstatt der notwendigen Empathie, Fürsorge, Betreuung und Orientierung, erlebt das Kleinkind Demütigungen und Abwertungen, wenn es sich nicht so verhält, wie es sein soll. Das so narzisstisch gekränkte Kind passt sich aus Angst, das geliebte Objekt zu verlieren, den elterlichen Anforderungen an und entwickelt ein kompensiertes, von Außen bestimmtes, „falsches“ Selbst..
Auf Grund der mangelnden Einfühlung und der mangelnden Grenzen funktioniert die Wiederannäherung des Kindes an die Realität nicht adäquat. Es verbleibt in seinem Größen-Selbst, erkennt seine Grenzen nicht ausreichend und zieht seine libidinöse Energie von den Objekten wieder ab und wendet sie dem eigenen Selbst zu.
Das Kind kann mit seinen echten Gefühlen bei seinen Bezugspersonen nicht „landen“, bekommt keine interaktive, spiegelnde Resonanz. Diese frühe Enttäuschung ist häufig bereits die Wurzel von Depressionen und der späteren narzisstischen Selbstwertschwankungen.
Dem depressiven Verhalten liegen in der Regel verdrängte bis abgespaltene Wutgefühle zugrunde. Dieser Zusammenhang wird sowohl in der selbstpsychologischen, psychoanalytischen Analyse der Genese des Narzissmus als auch von Johnson vernachlässigt, doch in der klinischen Erfahrung in der Regel bestätigt. Das Kind reagiert ursprünglich auf die mangelnde Empathie der Eltern mit Wut. Wenn es die Erfahrung macht, dass es auf seine Wut aversiv und abwehrend reagiert wird, wird es sie sublimieren bzw. verdrängen. Häufig droht sogar Liebes- und Objektverlust. Diese Wut wird dann sukzessiv gegen das eigene Selbst gerichtet und führt zu der negativen Überzeugung, falsch und nicht liebenswert zu sein. Das Kind resigniert und wird depressiv.

Die Entwicklungspsychologie von Mahler hat wichtige Erklärungen der Narzissmusproblematik erarbeitet, doch können sie im Zeitalter der Säuglingsforschung nicht mehr ungebrochen geteilt werden. Sie basiert noch auf der Triebtheorie Freuds. Sowohl Triebtheorie als auch Mahlers Phasenmodell werden insbesondere von Stern, einem Pionier der Säuglingsforschung, in Frage gestellt und zum Teil empirisch widerlegt.
Nach Stern (1992) und vielen anderen Säuglingsforschern (s. Dornes, 1993) gibt es nicht den passiven, undifferenzierten Säugling, der mit einem Reizschutz versehen ist, im Lustprinzip lebt und von seinen Es-Trieben gesteuert wird, wie noch Freud annahm. Stern betrachtet die Triebtheorie eher als hinderlich für eine Motivationstheorie, insbesondere relativiert er die von Freud aber auch von Reich (1989) betonte Rolle der Es-Triebe. Stern nennt stattdessen eine Reihe von Motivationen wie Explorationsverhalten, Suchen nach dem kognitiv Neuen, die Lust an der Bemeisterung und Bindungsstreben. Doch bevor diese Fragestellung genauer behandelt wird, werden zunächst einige zentrale Ergebnisse der Säuglingsforschung zusammengefasst.

In der von Stern beschriebenen Interaktion ist der Säugling von Beginn an Subjekt. Bereits im Alter von 2 Monaten (bis 6 Monate) entwickelt er ein Kern-Selbst, ein erlebnishaftes Selbstempfinden. Es umfasst die körperliche Gegenwart, das Handeln, den Affekt und die Kontinuität. Der Säugling erlebt, dass er von der Mutter körperlich getrennt ist, dass jeder sein affektives Erleben und seine ihm eigene Geschichte hat. Aus körperpsychotherapeutischer Sicht ist dabei wesentlich, dass das Kern-Selbst im Körper verankert ist.
Wie entwickeln sich nun in der präverbalen Phase psychische Repräsentationen beim Säugling, mit denen Erfahrungen gespeichert werden? Stern bezeichnet sie als „generalisierte Interaktionsrepräsentationen“ (Representations of Interactions that have been Generalized, RIGs). (Stern, 1992, S. 143) Sie enthalten vielfältige spezifische Erinnerungen, z.B. den Akt des Stillvorgangs, in dem der Säugling abspeichert, dass und wie die Mutter ihre Bluse öffnet, wie sie ihn an die Brust legt, den affektiven Zustand der Mutter, das eigene Empfinden usw. Der Säugling repräsentiert psychisch generalisierte Interaktionen z.B. in dem er den Ablauf des Geschehens in Segmente unterteilt und die Invarianten speichert. Dabei spielen die körperlichen Erfahrungen und die nonverbalen Signale eine ganz entscheidende Bedeutung. Die Körpersprache, der Gesichtsausdrucks u.a. der Mutter hat für den Säugling emotionalen Signalcharakter (s. Dornes, 1993, S. 152 ff.) .
„RIGs resultieren aus dem unmittelbaren Eindruck mannigfaltiger, realer Erfahrungen, und sie integrieren die unterschiedlichen Handlungs-, Wahrnehmungs- und Affekt-Attribute des Kern-Selbst zu einem Ganzen.“ (Stern, 1992, S. 143-144)“...das Selbst, das handelt, das Selbst , das fühlt, und das Selbst, das den eigenen Körper und dessen Handlungen auf seine ihm eigene Weise wahrnimmt – sie alle werden zusammengeführt.“ (ebda, 144) Die körperliche Interaktion ist ein wesentliches Element des Interaktionsprozesses, z.B. wie die Mutter das Kind berührt, hält, wiegt und bewegt.
In der Kommunikation zwischen Säugling und Mutter/Bezugspersonen ist die „Musik der Worte“, die Art und Weise, wie sich Mutter und Säugling zueinander verhalten entscheidend. Babys haben von Anfang an– noch ohne Sprache - ein Bewusstsein, genau wie ihr Gegenüber nach dem Motto: „Ich weiß, dass du wahrnimmst, dass ich etwas weiß. In diesen Interaktionen zwischen dem Säugling und den primären Bezugspersonen findet eine Affekt-Abstimmung (affect-attunement) statt. Die Eltern reagieren auf die Gefühlsäußerungen des Säuglings, in dem sie sie imitieren oder in eine andere Modalität transformieren. Die Metapher des Tanzes passt gut für diese Interaktion. Ein Beispiel für eine gelungene Affekt-Abstimmung: „ Ein neun Monate altes Kind schlägt mit der Hand auf ein Spielzeug, zunächst ein bisschen ärgerlich, dann mit wachsendem Vergnügen und in einem bestimmten Rhythmus. Die Mutter kommentiert das mit freudigem Gesicht und mit einem „KAA-BAAM“, wobei das langgezogene KAA zum Heben des Arms, das BAM zum Fallen passt.“ ... (Dornes, 1993, S. 154) Die nonverbalen und körperlichen Signale und Botschaften und wie sie von der Mutter aufgegriffen werden, haben eine entscheidende Relevanz. Das Kind schlägt einen Rhythmus, die Mutter antwortet mit einem freudigen Gesicht (Mimik) und mit einem stimmlichen Ausdruck (KAA -BAMM) im vorgegebenen Rhythmus des Kindes. Dies ist ein gutes Beispiel für empathische Feinabstimmung Abstimmung“ (selective attunement), sie beinhaltet Nachahmung und Anregung zugleich und fördert Interesse und Neugier des Säuglings. Wenn die Bezugspersonen hingegen das Kind manipulieren, findet eine Fehlabstimmung (miss-attunement) statt.
Der Körperpsychotherapeut Downing (1996) hat die These von angeborenen „affekt –motorischen Schemata“ entwickelt, die m.E. als subjektive Voraussetzung des Säuglings in die RIGs eingehen. Sie sind angeboren und entfalten sich erst durch die konkrete Interaktion mit den primären Bezugspersonen. Affekt-motorische Schemata sind zunächst vorgegebene Bewegungsmuster, die der Säugling in die Interaktion mit den Eltern einbringt. Dabei steht der körperliche Charakter dieser Schemata im Vordergrund, es sind zunächst motorische Bewegungen des Säuglings, z.B. Ausgreifen der Arme, die affektiv getönt werden. Wird dieses Ausgreifen seiner Ärmchen von der Mutter oder dem Vater nicht beantwortet, z.B. indem der eigene Arm oder das Gesicht zurückgezogen wird, dann greift der Säugling ins Leere. Wiederholt sich dies vielfach, wird er seine Arme zurückziehen.
Diese physischen Interaktionen zwischen Kind und Eltern hinterlassen Spuren, die im Körpergedächtnis gespeichert werden. Downing unterscheidet zwischen affekt-motorischen Verbindungs- und Differenzierungsschemata. In den ersteren spiegeln sich Bindungs- und in den zweiten Autonomiebedürfnisse wider. Downing hat die affekt-motorischen Schemata zu seiner Konzeption von Körper-Mikropraktiken (Downing, 2003) weiterentwickelt. Diese sind für Downing verkörperte Fähigkeiten, dabei denkt er an Aktivitäten wie Tennisspielen oder einen Nagel mit einem Hammer einschlagen. Die Körper-Mikropraktiken beinhalten körperliche, affektive und kognitive Komponenten. Im Unterschied zum einfachen Reflex, der eine Reiz- Reaktion- Antwort darstellt, sind die Körper-Mikropraktiken variabler und zielorientierter.

Die Erkenntnisse der Säuglingsforschung haben weitreichende Konsequenzen für die Narzissmustheorie. Das Phasenmodell von Mahler, das von einem normalen Autismus und einer Symbiose ausgeht, ist problematisch. Nach Stern können diese Phasen empirisch nicht beobachtet werden. Von Anfang an ist der Säugling auf den anderen bezogen und kann bereits im Alter zwischen dem 2. und 7. Monat zwischen sich und dem anderen differenzieren. Es gibt keine Phase, wo er die Grenzen zwischen sich und der Mutter verliert und symbiotisch mit ihr verschmolzen wäre. Downing (1996, S. 169 ff.) nimmt zu der Auseinandersetzung von Stern mit Mahler klärend Stellung, er betrachtet Mahlers Objektbeziehungsperspektive und Sterns Forschung als miteinander vereinbar. An Mahlers Entwicklungstheorie verteidigt er die fortschreitende Differenzierung von Selbst und Objekt in der Kleinkindzeit, ohne ihre Begriffe wie Autismus und Symbiose zu übernehmen.
Nach Stern gibt es keine spezifische Phase für die narzisstische Entwicklung. Grandiosität beim Kind kann für ihn durch eine Fehlabstimmung (miss-attunement) zwischen Mutter bzw. primären Bezugspersonen und dem Kind entstehen, wenn z.B. die Mutter nur auf enthusiastische Äußerungen des Kindes reagiert und diese verstärkt, während sie exthusiastische- depressive- Äußerungen unterdrückt oder verleugnet. Oder, wenn die Mutter auf Grund mangelnder empathischer Feinabstimmung keine affektive Bezogenheit zu dem Kind herstellt, dann stellen sich beim Kind Gefühle kosmischer Einsamkeit und schizoider Einsamkeit ein. Die Gefühlsverleugnung, die z.B. für Lowen das Hauptmerkmal narzisstischer Störung darstellt, kann bereits im Altern von 2-9 Monaten erfolgen, da der Säugling bereits in diesem Alter regelmäßig innere Gefühlsqualitäten (Affekte) erlebt.
Die narzisstische Entwicklung ist also nach der Theorie der Säuglingsforschung Ausdruck einer empathischen Fehlabstimmung (miss-attunement), die Vitalitätsaffekte, z.B. die erwähnte Wut werden von den Bezugspersonen nicht spiegelnd und entwicklungsfördernd beantwortet. Dieser Prozess vollzieht sich in wesentlichen Teilen auch auf der non-verbalen und körperlichen Ebene. Es erfolgt keine elterliche Rückenstärkung für aversive Gefühle wie Wut, Ärger oder auch
Traurigkeit, sondern vielleicht nur für sogenannte positive Gefühle wie Freude, Wohlbefinden, Lächeln etc. Narzisstische Fehlentwicklungen sind weniger Folge traumatischer Erfahrungen als von Mikrotraumen, die durch Zurückweisungen oder unangemessene Reaktionen auf Resonanz- und Bindungsbedürfnisse entstehen. .„Unsichere Bindung ist das Ergebnis chronischer, aber häufig ganz undramatischer Zurückweisung oder inkonsistenter Beantwortung von Bindungs- bedürfnissen und ist nicht in erster Linie auf grobe Traumatisierungen zurückzuführen. Es steht nicht mehr, wie z.B. noch beim frühen Spitz und bei Bowlby, der Verlust des Objektes im Vordergrund, sondern dessen relative Unverfügbarkeit trotz Anwesendheit.“ (Dornes, 2000, S.84)
Aus entwicklungspsychologischer Perspektive spielt die Herausbildung von Schamgefühlen, eine weitere wichtige Rolle bei der Genese des Narzissmus. Erwachsene Narzissten schämen sich in der Regel ihrer Gefühle, besonders ihrer Trauer und ihrer Bedürftigkeit. Kinder, die mit ihrem Spiegelbild etwa ab dem 15. Monat konfrontiert werden, zeigen Vorläufer selbstreflexiver Schamreaktionen. Erst im Alter von 2 Jahren treten Schamreaktionen als Ausdruck eines entwickelten Selbst auf (Hilgers,1997, 194 ff.). Die Herausbildung der Scham hat in einer gesunden kindlichen Entwicklung eine entwicklungs- und identitätsfördernde Funktion, doch in der narzisstischen Sozialisation wird sie zu einem entscheidenden Hindernis für den Gefühlsausdruck.

 

Kritische Anmerkungen zur Säuglingsforschung
Aus körperpsychotherapeutischer Sicht können auch kritische Anmerkungen gegenüber einigen Prämissen der Säuglingsforschung gemacht werden, da bei ihr die Tendenz vorherrscht, die psychische Entwicklung des Kindes primär aus der Interaktion mit den nahen Bezugspersonen abzuleiten. Demnach wird sie entscheidend von Außen, in der Regel den Eltern, determiniert. Der Tatsache, dass das Kind auch ein Naturwesen ist und energetischen Pulsationsbewegungen folgt, wird allenfalls am Rande beachtet. Sein Körper wird zwar immer wieder erwähnt aber nicht in seiner Tiefe begriffen. Diesbezüglich sind die Reichianischen Erkenntnisse z.B. über Lust/Unlust, Selbstregulation, das energetische Prinzip, seine Erkenntnis vom Muskelpanzer und das Konzept G. Boyesens (Boyesen, G., M.L., 1987, S. 99 ff. ) vom Emotional-Vasomotorischen Zyklus unverzichtbar. In diesem Zyklus vollziehen sich affektive Erregungszustände auf drei Schichten des Organismus:
a) der vegetativen (endodermalen) Schicht: autonome Prozesse wie Bluthochdruck-, Herzfrequenzveränderungen, Reaktionen der Verdauungsorgane, Stoffwechseländerungen, hormonelle Prozesse;
b) der willkürlich und unwillkürlichen Muskelaktionen (mesodermal): mimische und gestische Äußerungen, Haltungs- und Handlungsveränderungen;
c) der Schicht der Wahrnehmungsorgane, der neuronalen Strukturen, der Kognitionen und bewusst erlebten Emotionen (ektodermal): psychische und kognitive Prozesse.
Die Neurose verkörpert sich auch in muskulären Spannungen und vegetativen Störungen,
die sich bereits beim Säugling entwickeln können.
Die Arbeiten der körperorientierten Babytherapeuten (s. Harms, 2000) machen manifest, das sich bereits prä- peri- und postnatale Störungen in der Mutter -Kind -Beziehung psychisch ausdrücken (ebda, S. 189 ff.) Die Babytherapeuten haben bei ihren kleinen Patienten eine Reihe von somatisch-psychischen Symptomen wie: Blockierungen des Zwerchfells, der Schultermuskeln sowie des Gewebe- und Muskelbereichs u.a. des Augensegments
diagnostiziert. Diese Symptome verweisen deutlich auf die Verkörperung von Interaktionsstörungen und von Gefühlen. Bereits ein Fötus hat Affekte, er kann schon Angst erleben, wie Grof (1985), Janus (2000) u.a. nachgewiesen haben.
Der Säugling ist nicht nur ein soziales Wesen – „self –with- other“ (Stern) – sondern auch ein Naturwesen und eine bioenergetische Einheit. Es treten also auch zwei Organismen in Interaktion. Der Emotional -Vasomotorische Kreislauf vollzieht sich sowohl beim Säugling als auch bei seinen Bezugspersonen. Störungen in der Affektabstimmung führen zu Störungen im psychischen, muskulären und vegetativen Bereich. Kontraktion, Erschlaffung der Muskulatur (Hypo- oder Hypertonie), Veränderung des Atemrhythmus usw. Gefühle haben körperliche Korrelate, wie in der Emotionsforschung eindeutig belegt wird (s. Geuter, Schrauth, 2001, S. 4 ff.). Das Sternsche Modell von den RIGs kann aus körperpsychotherapeutischer Sicht auf die muskuläre und vegetative Ebene ausgeweitet werden. Das Modell vom Emotional-vasomotorischen Kreislauf sollte wiederum zu einem Interaktionsmodell weiter entwickelt werden, z.B.: der Säugling schreit, drückt Wut aus (psychisch), muskulär kommt es zu einer Kontraktion und Anspannung in den beteiligten Muskeln, der Muskeltonus steigt, vegetativ kommt es zu einer starken Innervation des Sympathikus. Eine empathische Feinabstimmung von Seiten der Bezugspersonen ist dann gelungen, wenn sie die Wut des Kindes akzeptieren, dies verbal und körperlich ausdrücken und dem Kind das Gefühl zu geben, dass es mit seiner emotionalen Äußerung angekommen ist. Durch das Ausdrücken ihrer Gefühle auf den verschiedenen Ebenen können sowohl das Kind als auch die Eltern entspannen. Beide Emotional-Vasomotorischen Kreisläufe wären dann geschlossen.
Die Ergebnisse der Säuglingsforschung und die Erfahrungen der körperorientierten Babytherapien müssten miteinander verbunden werden. Hierin liegt ein großes, erst ansatzweise genutztes Potenzial.

 

Körperpsychotherapie mit narzisstischen Klienten/Patienten
Ein Grundproblem in der therapeutischen Arbeit mit narzisstischen Persönlichkeitsproblemen besteht nach meiner Erfahrung darin, sein Gegenüber emotional wirklich zu erreichen. Auch die intensivsten körperpsychotherapeutischen Interventionen können verpuffen, wenn sie nicht durch den therapeutische Kontakt getragen sind .und die Klientin in ihrer Welt der Projektionen, Idealisierungen und Abwertungen verbleibt. Wenn sie mit ihren Schamgefühlen in Kontakt kommt, die Schutzschicht der emotionalen Isolation überwindet und auch Gefühle wie Einsamkeit, Trauer, Ohnmacht u.a. zulassen kann, ist schon ein merklicher Therapiefortschritt erreicht. Die Beziehungsarbeit ist tiefenpsychologisch fundiert und bezieht neben Übertragungs- und Gegenübertragungsgefühlen, auch die Ich-Du-Beziehung und die somatische und psychische Resonanz mit ein. Die Betonung der Beziehungsarbeit in der Körperpsychotherapie ist deshalb von besonderer Wichtigkeit, weil sie sowohl von Reich in seiner Spätphase als auch von Lowen und z.T. auch von G. Boyesen vernachlässigt wurde (s. Thielen, 1994, S.10 ff.).
Ein weiterer psychotherapeutischer Schwerpunkt stellt die Arbeit mit der Aggression dar. Aggression im Sinne von „aggredi“ –(lat. hinzugehen,) und nicht im Sinne von Feindseligkeit. Das Dilemma des narzisstischen Menschen besteht darin, dass er sich nicht aus seiner narzisstischen Isolation heraus und zu den anderen Menschen hinbewegen kann, sondern im Rückzug bleibt. Deshalb ist es ein wesentliches Ziel, diese Hinbewegung zu befördern (Busch, 2002). Zudem hatten die frühkindlich erlebten Enttäuschungen Enttäuschungswut zur Folge, die aber von den Eltern emotional nicht angenommen sondern eher unterdrückt wurde. Die sich daraus gebildete Aggressionshemmung gilt es in der Arbeit angemessen zu lockern. Anhand einer Fallvignette möchte ich – zwangsläufig in groben Zügen – mein körperpsychotherapeutisches Vorgehen veranschaulichen.

 

Fallbeispiel
Bettina 2) war zu Beginn der Therapie Mitte 30 J. Ihr Freund hatte sie nach einer halbjährigen Beziehung verlassen. Sie suchte die Therapie wegen folgender Symptome auf: Depressionen, Selbstvorwürfe, Selbstwertschwankungen, Zwangsgrübeln, Schuldgefühle, Schlafstörungen und Appetitlosigkeit. Über einen Zeitraum von mehreren Wochen hatte sie Suizidgedanken. Sie bekam anfangs auch begleitend ein Psychopharmakon.
Kurzbiografie: Sie war das zweite Kind und hatte eine ältere Schwester. Die Eltern lebten auf Initiative der Mutter zeitweise getrennt, doch der Vater hielt massiv an der Beziehung fest. Er setzte die Mutter unter Druck und konnte schließlich ihre Rückkehr erzwingen. Das Verhältnis von Bettina zu ihrem Vater war seit ihrer frühen Kindheit sehr schwierig. Sie fühlte sich von ihm gedemütigt, missachtet und ungeliebt. Ihrer Einschätzung war ihr Vater selbstbezogen, egoistisch und z.T. auch sadistisch. Ihre Schwester und sie wurden rigiden Regeln des Verhaltens und des Aussehens unterworfen. Z.B. erlebte sie folgende Mikrotraumen: sie wurde in Kleider gesteckt, die ihr überhaupt nicht gefielen, gegen ihren Willen wurden ihr die Haare kurz geschnitten, sie wurde abgewertet und beschimpft. Ihr Verhältnis zu ihrer Mutter war hingegen positiv. Sie fühlte sich von ihr geliebt, unterstützt und bestätigt. Doch aus heutiger Sicht wurde sie von ihrer Mutter narzisstisch besetzt, idealisiert und im Machtkampf der Mutter gegen den Vater als ihre Bündnispartnerin instrumentalisiert. Sie erlebte in ihrer Kindheit folgende Dualität, Abwertung und Demütigung durch den Vater, positive Zuwendung und Idealisierung von der Mutter.
Bettinas Narzissmus bestand nicht darin zu glauben, dass sie leistungsmäßig überall die Beste sei, sondern sie wollte ihre Zweierbeziehungen nach ihren Idealvorstellungen formen. Sie war sehr selbstbezogen und alles sollte so laufen, wie sie es haben wollte. Sie hatte die Überzeugung, dass die Männer letztlich doch machen, was sie will. Wenn es nicht nach ihren Vorstellungen lief, konnte sie diesen Zustand nicht ertragen. Vor allem wollte sie die Trennung, die ihr Freund initiiert und ausgesprochen hatte, nicht akzeptieren. Sie entwickelte einen weiteren Glaubenssatz: “ Wenn ich nicht geliebt werde, nicht das bekomme, was ich will, dann bringe ich mich um.“ Ihre Selbstwertkrise hatte traumatische Ausmaße angenommen, auf deren zum Boden und Höhepunkt sie einen halbherzigen, mehr angedeuteten, Suizidversuch unternommen hatte.

In der körperpsychotherapeutischen Arbeit ging es auf der Basis der Kenntnis ihrer Biografie zunächst um den Aufbau einer tragfähigen, vertrauensvollen und produktiven Arbeitsbeziehung. Sie fasste relativ schnell Vertrauen und entwickelte zunächst eine positive Übertragungsbeziehung zu mir. Der Therapeut hatte die Rolle des guten Objektes, des guten, idealen Vaters.
Auf Grund ihrer starken Depressionen schlug ich ihr zu Beginn der Körperarbeit bioenergetische Erdungsübungen (Groundingübungen) (s. Lowen, 1980 ) vor. Sie redete zunächst relativ viel, wirkte sehr kognitiv kontrolliert und wenig zentriert und geerdet. In der Regel habe ich gute klinische Erfahrungen mit Groundingübungen bei Depressionen, da sie die starke Aggressionshemmung lockern und ersten körperlichen Zugang zu den unterdrückten bzw. verdrängten und abgespaltenen Aggressionen herstellen können. Sie machte diese Übungen auch und erlebte tatsächlich eine bessere Erdung, der Kontakt zu ihren Beinen und Füssen wurde besser. Doch mit ihren Aggressionen kam sie nicht in Kontakt, stattdessen fühlte sie sich in erster Linie angestrengt. Offensichtlich war ihre Abwehr gegen ihre tiefverdrängten Aggressionen noch zu stark. Im weiteren Verlauf nahm ich ihr Bedürfnis nach Entspannung und ihren Wunsch, ihren inneren Druck mehr loslassen zu wollen, auf und schlug ihr eine biodynamische Exit -Massage vor. Sie erlebte dabei den Zustand einer dynamischen Tiefenentspannung. Sie hatte nach der Massage das Gefühl, dass ihr Körper, der sich vorher schwer und träge angefühlt hatte, leichter und energievoller geworden war. Ich wandte die Massagen häufiger an mit dem Ergebnis, dass ihre Schlafstörungen und ihre depressive Schwere nachließen. Während der Massage tauchten auch zentrale Themen wie: ihr Selbstwertgefühl, ihr Verhältnis zu ihrem Vater, ihrem Ex-Freund, ihr Verhältnis zu ihrer Mutter u.a. auf. Die verschiedenen biodynamischen Massagen haben nicht nur ihr Widerstand bzw. ihr Abwehr „geschmolzen“, sondern gaben ihr auch eine Form von Halt (Containment) und Sicherheit. Sie bekam durch sie wieder ein Gefühl für ihre Körpergrenzen und erlebte körperliches Wohlbefinden. Die Massagen wirkten nachnährend, sie fühlte sich dabei vom „idealen Vater“ angenommen und liebevoll versorgt.
Im weiteren Verlauf kam sie immer mehr in Kontakt mit ihren verdrängten Gefühlen, auch mit ihren tiefverdrängten Aggressionen. Sie wurde wütend auf ihren Vater und bekam Racheimpulse. Um diese Wut auch körperlich mehr ausdrücken zu können, schlug ich ihr ein körperorientiertes Rollenspiel vor. Ich spielte die Vaterfigur, wir standen uns gegenüber und gaben uns die Hände. Sie bekam die Aufgabe, den Vater mit ihren Händen wegzudrücken. Nach anfänglichem Zögern entwickelte sie mehr Kraft, die sich zunehmend zur Wut steigerte und gegen ihren Vater richtete. Es war für sie sehr wichtig, diese Wut auch körperlich zu spüren, eine entsprechende Ausdrucksform zu finden und sie objektbezogen richten zu können.
In der weiteren Entwicklung konnte sie auch Wut und Ärger auf ihre Mutter zulassen, ihr wurde bewusst, dass sie von ihr als Bündnispartnerin instrumentalisiert worden war. Ihr gegenüber entwickelte sie mehr Abgrenzung und Autonomie. Ihr wurde auch zunehmend bewusst, dass sie von ihrer Mutter idealisiert worden war, da sie das Leben führte, was sich die Mutter eigentlich gewünscht hatte. Aber auch sie hatte ihre Mutter in ihrer Kindheit idealisiert. Im Unterschied zum Vater war sie für sie früher nur die Gute, während sie jetzt lernte, auch ihre Schattenseiten zu sehen.
In Form von Introjekten hatte sie den Mechanismus der Idealisierung und der Abwertung verinnerlicht und vor allem in ihren nahen Beziehungen angewandt.
Mit Hilfe von „emotionaler Ausdrucksarbeit“ konnte sie auch Gefühle wie Trauer, Schmerz, Einsamkeit und Bedürftigkeit zulassen. Zu dieser Gruppe körperpsychotherapeutischer Interventionen gehören Übungen und Techniken zur Förderung des emotionalen Ausdrucks. Dazu gehören bioenergetische, biodynamische, vegetotherapeutische Übungen. Röhricht (2000) hat eine Vielzahl effektiver körperpsychotherapeutischer Techniken aus dieser Gruppe zusammen gestellt.
In diesem Kontext spielt die Atemarbeit eine besondere Rolle. In der Regel wird die flache Atmung zur Gefühlsunterdrückung eingesetzt. Durch vielfältige Atemtechniken, bei denen sowohl auf die Ein- als auch auf die Ausatmung fokussiert werden kann, kann eine Emotionalisierung der PatientIn befördert werden.
Nach jeder Körperübung erfolgt eine verbale Aufarbeitung, um sowohl das emotional Erlebte auch kognitiv zu erfassen, als auch Muster und Mechanismus erkennen und eine biografische Zuordnung vornehmen zu können.
Doch nun zurück zu dem Fallbeispiel, um es verkürzt zu sagen, konnte Bettina mit meiner therapeutischen Unterstützung herausarbeiten, dass sie sich auf Grund ihrer kindlichen Erfahrungen mit ihrem demütigenden Vater als Opfer erlebt hatte. Zunächst als Opfer ihres Vaters, auf den sie ohnmächtig wütend war und den sie als Kind gehasst hatte, dann als Opfer ihres Freundes, der sie verlassen hatte. In ihrer massiven Selbstwertkrise bewertete sie das Verlassenwerden als ihr Versagen. Als Konsequenz bestrafte sie sich selbst, indem sie sich massiv abwertete – bis hin zum Suizidversuch – und nicht mehr leben wollte. Ihre narzisstische Omnipotenz äußerte sich in der Illusion:“ ich schaffe es schon, wenn ich es nur will und fest daran glaube. Ich gewinne ihn zurück.“ Dabei konnte sie den Anderen, ihren Freund und seine Verletzungen nicht sehen und sein Nein und seine Abgrenzung nicht akzeptieren. Sie schämte sich auch, dass sie es nicht geschafft hatte, die Trennung zu verhindern.
Durch die Realitätskonfrontation und empathische Konfrontationen in der Therapie wurde ihr aber auch schrittweise ihr eigener Anteil an der Beziehungskrise bewusst. In der Phase ihrer ersten Verliebtheit hatte sie eine mehrwöchige, bereits länger geplante Auslandsreise mit einem guten Freund unternommen, obwohl ihr damaliger Partner sie gebeten hatte, die Reise nicht zu unternehmen bzw. zu verkürzen. Sie hatte sie trotzdem gemacht, weil sie z.T. unbewusst das Beziehungskonzept hatte, auch in intimen Beziehungen möglichst autonom zu bleiben und die Überzeugung zu pflegen, dass sich die Männer nach ihren Bedürfnissen zu richten hätten. Diese starke Betonung ihrer Autonomie hatte sie von ihrer Mutter übernommen, die ihr einerseits dazu riet und andererseits in ihrer Ehe selbst ein schlechtes Vorbild war, da sie sich von ihrem Mann abhängig gemacht hatte.
In der Endphase der Therapie, als sich ihr Selbstwertgefühl wieder mehr stabilisiert und sie die Trennung verarbeitet hatte, lernte sie ihren neuen Partner kennen, mit dem sie zusammen zog und dann ein Kind bekam. Als Lehre aus der gescheiterten Beziehung hat sie sich stärker eingelassen. Die Widersprüche zwischen ihnen versuchen sie offen auszutragen und eine Art Streit- und Widerspruchskultur in ihrer Beziehung zu entwickeln. Sie verfällt phasenweise noch in abgeschwächter Form in ihr Muster der Idealisierung und der Abwertung, doch es ist ihr bewusster und sie hat Alternativen dazu entwickelt. Mit Hilfe der Therapie war sie auch in der Lage, ihre Beziehung zu ihren Eltern zu entspannen, dass sie auch ihrem Vater erwachsen gegenüber treten kann. Ihren kindlich bedingten Hass hat sie weitgehend verarbeitet, doch zu ihrem Vater hält sie eine freundliche Distanz.
Sie entwickelte Selbsthumor, sah sich selbstkritischer und ein deutlich gewachsenes Selbstwertgefühl.
Bettinas starke Aggressionshemmung war Ausdruck ihres unterentwickeltes affekt-motorisches Schemata (s. Downing, 1996, S 191 ff.) Sie hatte für Wut kaum motorische Ausdrucksformen. Das Erlernen von aggressiven Bewegungen z.B. das Drücken waren produktiv, um dieses unterentwickelte Schema wieder zu aktivieren. In ihrer Geschichte war
das Familiensystem so gestaltet, dass sie einem ständigen Druck ausgesetzt war, das affekt-motorische Schema für Wut im gehemmten Zustand zu belassen.
Durch die wiederholte Aktivierung dieses Schemas in der Therapie z.B. durch die körperorientierten Rollenspiele wird auch ein neurophysiologischer Prozess in Gang gesetzt, bei dem neue synaptische Verbindungen hergestellt werden. Übungen und Wiederholungen spielen eine wichtige Rolle, damit diese neuen Verbindungen vertieft, verstärkt und automatisiert werden. Nach den neuen neurobiologischen Erkenntnissen der Alexithymieforschung (Damasio, 2000), ist das Gehirn des Alexithymen nicht in der Lage, die Körpersignale in Verbindung mit Gefühlen zu bringen. Die Fähigkeit muss – auch mit Hilfe von Körperübungen- neu gelernt werden. Die Körpersignale, die z.B. durch bioenergetische oder biodynamische Übungen entstehen können wie z.B. Anspannung, Wärme, Vibration, Entspannung u.a. werden schrittweise mit Gefühlen in Verbindung gebracht. Dieser Transformationsprozess führt auch zu synaptischen Verbindungen mit den Gefühlsregionen wie der Amygdala im Gehirn.
Die Vielfalt der körperpsychotherapeutischen Interventionen lässt sich, wie am Fallbeispiel veranschaulicht, in vier Gruppen unterteilen:
1.) Biodynamische Massagen: sie regen die Selbstregulation an und aktivieren den Emotional-vasomotorischen Zyklus. Diese Form der systematischen körperlichen Berührung kann narzisstische Klienten mit ihren abgespaltenen bzw. verdrängten Gefühlen und ihrem Selbst in Kontakt bringen und unbewusstes, dynamisches Material freisetzen.
2.) Emotionale Ausdrucksarbeit: körperpsychotherapeutische Übungen und Techniken aus den verschiedenen Richtungen der Körperpsychotherapie wie: Vegetotherapie nach Reich, Bioenergetik, Biodynamik, Core-Energetik, Biosynthese, Hakomi u.a. zur Förderung des gehemmten emotionalen und somatischen Ausdrucks.
3.) Formen des „Holdings“ oder „Containments“: diese Interventionen geben dem Klienten Halt und verhelfen ihm/ihr dazu, die eigenen Gefühle zu halten, von ihnen nicht überflutet zu werden. Es hat häufig nachnährenden Charakter.
4.) Körperorientierte Rollenspiele: biografisch bedingte Grundkonflikte und Konflikte können reinszeniert und lösungsorientiert ausgedrückt werden. Dabei spielt die körperliche Interaktion und Ausdruck eine wichtige Rolle.
Diese Interventionsgruppen wurden in einer kleinen qualitativen, empirischen Studie untersucht und ihre Wirksamkeit bei narzisstischen Störungen überprüft (s. Stehle, Körber, 2002 S. 144 ff.)

Mit ihren vielfältigen Interventionsmöglichkeiten auf der nonverbalen und somato -psychischen verfügt die Körperpsychotherapie nicht nur über ein hochwirksames Instrumentarium, sondern auch über einen wichtigen Vorsprung gegenüber Psychotherapieverfahren, die primär verbal arbeiten. Gerade auch bei narzisstischen Persönlichkeitsstörungen und – problemen ist ein körperorientiertes psychotherapeutisches Vorgehen sehr erfolgversprechend.

 

Fußnote: 1) Der Artikel ist die überarbeitete Fassung meines Eröffnungsvortrages auf der 9.GBP-Fachtagung zu dem Thema „Trauma & Kränkung. Schicksal und Entwicklungschance“ am 1.10.2004 in Schermau. Er basiert inhaltlich z.T. auf den Artikeln: „ Narzissmus – Körperpsychotherapie zwischen Beziehungs- und Energiearbeit.“ (Thielen, Manfred, Hrsg., Narzissmus. Körperpsychotherapie zwischen Energie und Beziehung, Berlin 2002, S. 7 –26) und auf dem Artikel „Körperpsychotherapie bei narzisstischen Persönlichkeitsstörungen“, der voraussichtlich im Januar 2006 in: Marlock, Gustl, Weiss, Halko, Handbuch der Körperpsychotherapie. Schattauer-Verlag erscheinen wird. Hier erfolgt eine systematische und historische Abhandlung der Thematik.
2.) Der Name wurde vom Autor natürlich verändert .

Copyright beim Autor. Der Artikel ist im Journal der Gesellschaft für Biodynamische

Psychologie/Körperpsychotherapie (GBP e.V.), 10 Jahre GBP e.V:, Trauma und Kränkung.
Beiträge der 9.Fachtagung der GBP e.V. in Schermau 1.-3.10.2004.


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S E L B S T W E R T K O N F L I K T E (1).
Das menschliche Grundbedürfnis nach Beachtung und der narzisstische Hunger nach Anerkennung
von Dr. Thomas Busch

BEACHTUNG ALS MENSCHLICHES GRUNDBEDÜRFNIS

Beachtung bzw. der Austausch von Beachtung ist ein menschliches Grundbedürfnis. Die früheste Form der Beachtung kann ein Herzens- und Willkommensgruss an das Neugeborene sein: „Schön, dass Du da bist - herzlich willkommen auf dieser, unserer Welt. Herzlich willkommen auch in meinen Armen. Herzlich willkommen auf meinem Bauch.“ Diesen herzlichen Willkommensgruss kennen wir auch aus unserem Erwachsenenalltag.
„Schön, dass Du da bist. Schön, dass es Dich gibt!“ Manchmal fühlen wir uns dann ganz hin und her und schwanken zwischen angenehm, verunsichert und scheu ob solcher freundlichen Beachtung. In der normpathogenen Form kennen wir diesen Willkommensgruss allemal. Da brüllt ein Rockstar in sein menschenüberfülltes Hallenpublikum: „Oh yeah! Schön, dass Ihr hier seid!“ Gemeint ist eher: „Schön, dass ihr zu mir gekommen seid!“

Das Bedürfnis nach Beachtung und dessen Austausch steht am Beginn unseres Lebens. Es ist Teil des Schauens und Gesehen-seins. Die Kraft der liebevollen Blicke bei der Geburt (und danach) bleibt existentiell. Es lässt die Zeit stehen. Neben den unmittelbaren, primären und organismischen Bedürfnissen (Nahrung, Sauerstoff, Homöostase uam.) ist das Bedürfnis nach Beachtung von anbeginn des Lebens Teil eines dem Menschen mitgegebenem, sozialen Bedürfnisesembles nach Sicherheit, Geborgenheit, Zugehörigkeit und Liebe. So hat es Abraham Maslow formuliert.

Das Bedürfnis beachtet zu werden kennt jeder. Es bestätigt uns in unserem So-sein. So, wie wir sind, werden wir beachtet. Die Erfahrung beachtet worden zu sein, verbindet uns später mit einem Gefühl eigener Wertschätzung - wertgeschätzt zu werden als der, der wir sind - unabhängig von alledem wie wir sind. Beachtung, eigene Wertschätzung und ein Gefühl eigener Würde bilden somit einen sich schliessenden Kreislauf. Das Gegenteil von Be-achtung, die Miss-achtung ist demgegenüber ein Angriff auf die menschliche Würde. Sie untergräbt die eigene Wertschätzung fundamental und unterwandert die körperliche wie seelische Integrität.

Ein zweiter, lebensgeschichtlich späterer Kreislauf gruppiert sich um Formen der Anerkennung, des Lobes und der Zustimmung: als Kinder werden wir anerkannt und gelobt, dass wir die Bauklötzer stapeln können oder später dafür, dass wir den Tisch abgeräumt haben. Als Kinder erhalten wir Zustimmung für unseren Mut oder für den Umstand, dass wir schnell schwimmen gelernt haben und schon das Einmal-Eins können... uvam.

Menschen entwickeln Selbstachtung wesentlich über Beachtung, Wertschätzung und Würde, die uns über andere Menschen vermittelt und zuteil wird. Die Befriedigung des Bedürfnisses nach Beachtung und die entstehende Selbstachtung führt zu Gefühlen des Selbstvertrauens, der Selbstgewissheit und einem Gefühl nützlich und notwendig für die Welt zu sein.

Die Entwicklung von Selbstachtung ist ein Prozess des Selbsterlebens in wertschätzenden und achtsamen (Beachtung austauschenden) Beziehungen. Dieser Prozess kann der Form nach nonverbal und verbal sein. Der Austausch von Beachtung kann in einem nonverbalen Milieu gegenseitiger Achtsamkeit und einer Welt sinnlich affektiven Erfahrung stattfinden, in dem Worte keine Rolle spielen. Schon die ersten liebevollen Blicke waren Sprache ohne Sprechen. Diese nonverbalen Milieus werden bereits in den ersten Lebensmonaten multimodal über ein sog. „athmosphärisches Gedächtnis“ gespeichert werden, um später fortzuwirken und verfügbar zu sein. Darauf verweisen neue, entwicklungspsychologische Studien (vgl. H. Petzold, 1995).

Selbstachtung kann nicht Folge eines Prozesses der Selbstbezogenheit sein. Genauso wie umgekehrt die Würde eines Menschen stets nicht durch eine „Innenschau“, sondern nur durch Missachtung von aussen beschädigt werden kann. Selbstachtung erwächst über die Vermittlung des Blick des Anderen auf das eigene Selbst. Der Andere ist eine Art Spiegel eines reflexiv erworbenen Gefühls für das eigene Erleben bzw. das eigene Selbst. Insofern sind Menschen angewiesen auf den Anderen. Zugleich müssen wir uns mehr und mehr vom Anderen unterscheiden und differenzieren lernen, um uns als Subjekte individuieren zu können. In letzterem liegt die wesentliche Aufgabe unserer Reifung. Im anderen Falle bleiben wir „chronisch“ angewiesen auf die Beachtung des (der) Anderen.

Beides ist notwendig: der Spiegel des Anderen und unser eigener Spiegel.Wenn ein Spiegel zerbricht, zerbrechen beide . Missachtung durch andere lässt unseren eigenen Spiegel zerbrechen. Narzisstische Selbstbezogenheit zerbricht den Spiegel unseres Blickes für Anderen.

Selbstachtung erlangen Menschen nicht über Meinungen und Einschätzungen des (der) Anderen: wenn wir die Meinungen und Einschätzungen des (der) Anderen zur Quelle unseres Selbsterlebens machen, dann entwickeln wir Formen eigener Wahrnehmung, die uns in den „Dienst“ der Untreue uns selbst gegenüber stellen.

Selbstachtung resultiert nicht aus einem bisher so häufig protegiertem Bipolaritätsmodell von Selbstbezogenheit versus Objektbezogenheit, (vgl. S.Freuds Annahme vom primären Narzissmus, einer Entwicklungsstufe, in dem sich das Ich ausschliesslich auf sich selbst rückbeziehen kann), sondern unterliegt einem Prozess der Dialektik und Balance von myself and other, von Selbst und Anderem (Kohut, 1993). Wir brauchen den Spiegel des Anderen und wir benötigen zugleich den eigenen Spiegel, in dem wir uns selbst erkennen und erneut achten lernen - immer wieder von Neuem und in der Zeit unseres gesamten Lebens.


BEACHTUNG UND INTERSUBJEKTIVITÄT.

Die neuen Aufzeichnungstechniken der modernen Säuglingsforschung halten den multimodalen Charakter der frühen Interaktionen zwischen Mutter und Säugling fest. In der Komplexität der Darstellung der Interaktion bleibt der Bedeutungszusammenhang der Beachtung unberücksichtigt. Vielleicht hatten die Forscher Bedenken, dass ein Rekurs über Beachtung die zahlreichen präzisen und wahrnehmbaren Beobachtungen verwässert und banalisieren könnte. Vielleicht steht die Darstellung des Austauschs von Beachtung den experimentellen und zu beobachtenden Tatsachen im Wege und ist selbst nicht einer wissenschaftlichen Präzision zu unterwerfen. Vielleicht folgt das so wertvolle Material der Säuglingsforschung selbst positivistischen Spur? Wie auch immer...

Studieren wir die Ergebnisse der modernen Säuglingsforschung, dann finden wir, dass zum einen der Begriff Mag der Begriff Beachtung keine Beachtung finden, aufgewiesen aber sehr vielfältige Belege, mit deren Hilfe die Entwicklung des Selbstgefühls (Selbsterleben) beschrieben wird: die frühen Prozesse des „Spiegelns, der empathischen Zuwendung und des inactments“, eines motorisch-handlungsbezogenen Austauschs zwischen Mutter und Säugling (Stern, 1992; Dornes 2000). All diese Untersuchungen zeigen uns die Kompetenz des Säuglings, der in der zwischenmenschlichen Interaktion kompetenter Teilnehmer ist und hierbei über ein subtiles Repertoire von mimischen, lautlichen und gestischen Verhaltensweisen verfügt, mit denen er den Eltern seine Befindlichkeit signalisiert und gleichzeitig deren Interaktionangebote - beeinflusst. Wit könnten sagen, dass der Säugling in jedem Fall von Beginn an den Prozess gegenseitiger Aufmerksamkeit und interpersonellen Erlebens und somit sicher auch den Austausch von Beachtung „mitzusteuern“ in der Lage ist.

Narzissmusstudien zeigen uns, dass die Wahrnehmung des anderen ein Austauschprozess, ein interpersonell-verbaler, in den ersten Lebensmonaten wesentlich ein nonverbal - körperbezoger Austausch ist (Kohut 1993, Petzold 1995, Volkan/Ast, 1994 uvam). Aufmerksamkeit, Beachtung und Anerkennung können Säuglinge, Kinder und Erwachsene verbal und nonverbal beispielsweise über Berührung, Körperkontakt und Bllcikkontakte erfahren und austauschen (Busch, 2004). Ein Mangel an Beachtung kann - aus der Gesamtsicht des Leibes - zu emotionalem Rückzug, der Einschränkung des Selbsterlebens- und des Körpererlebens führen. Verarbeitungsformen, die sich über Formen der Entwertung und der narzisstischen Kränkung des Selbst des betroffenen Menschen eine der Entwertung durch andere Menschen kennen wir seit Wilhelm Reich (1972) und dessen Studien zur Charakteranalyse. Bei Alexander Lowen (1984) führen wesentliche Mängel an Beachtung und Liebe, verbunden mit frühen Erfahrungen der Demütigung und Entwertung zur Unterdrückung und Verzerrung der vitalen Gefühlswelt (Gefühlskälte) - und im weiteren Sinne zu Formen des „falschen Selbst“ sowie zu einer Überbetonung von Macht, Ichbezogenheit. und einem „Image“.

Untersuchungen über den Zusammenhang von Beachtung, einer sichere Bindung und die Entwicklung der Fähigkeit zur Empathie bei Einjährigen lassen sich ferner auch in der Bindungsforschung finden. Auch bei Lichtenberg (1999) finden wir Beachtung nicht im Sinne des Wortes, aber doch sinngemäss in den 5grundlegenden Motivationssystemen. Diese bilden sich im Kontext des Austauschs von Beachtung, Anerkennung und dem „intersubjektiven Spiegel“ aus: gemeint sind die elementaren und physiologischen Motivations- und Bedürfnisebenen (1.) die Bindungsbedürfnisse (2.) des Gehalten-Seins, des Körperkontaktes, der Nähe und Distanz; die Bedürfnisse der Neugier und Selbstbehauptung (3); der Sexualität (4.) und des aversiven Verhaltens – gemeint ist das Bedürfnis der Abneigung und Abgrenzung. Vermittelt wird ein umfassendes Verständnis einfühlsamer Wahrnehmung, wie wir es aus den humanistischen Ansätzen der gesprächs- bzw. der Gestalttherapie kennen, wobei der empathisch-introspektiven Einstellung und der gemeinsamen Nachforschung des Erlebens des Klienten besondere Bedeutung beikommt.

BEACHTUNG UND ANERKENNUNG. GESUNDER UND PATHOLOGISCHER NARZISSMUS.

Beachtung und Anerkennung sind wesentlicher Teil liebevoller Beziehungen und das beste Mittel zur Pflege der Liebe, sagen Paartherapeuten (Willi, 2004) und Glücksforscher (Kast, 2004) gleichermassen. Beachtung und Anerkennung „gerinnen“ zu Selbstsicherheit und Selbstwertgefühl, sagen die Bindungsforscher. Beachtung und Anerkennung dokumentieren die Verwandlung einer schützenden und wertschätzenden Beziehung in eine Modalität kohärenten Selbsterlebens.

Gesunder und pathologischer Narzissmus.
Narzissmus wird im alltäglichen Sprachgebrauch, aber auch in der klinischen Verwendung, als Synonym für Ich- und Selbstbezogenheit benutzt: der Andere existiert nicht, zumindest nicht als jemand mit eigenem Recht und eigenem Da-Sein. Der Begriff Narzissmus besitzt hier eine pathologische Konnotation und wird als Sammelkategorie für Objektabgewandtheit, als objektlose Erscheinungsform des Seelenlebens gebraucht. Umgekehrt durchzieht die psychoanalytische Entwicklungstheorie ein nicht-pathologischer Begriff des Narzissmus (Altmeyer, 2000). Narzissmus wird hier in seiner gesunden Form der Selbstliebe und Selbstachtung beschrieben. Narzissmus in diesem Sinne ist für das Leben und Überleben nicht nur wünschenswert, sondern von zentraler Bedeutung. Zwischen Konzepten der Identitätsentwicklung und dem (gesunden) Narzissmus lassen sich enge Zusammenhänge aufweisen. Umgekehrt sind auch Identitätsstörungen und Störungen des Narzissmus stets miteinander verbunden. Die Entwicklungslinie des pathogenen Narzissmus gleicht einer Überbesetzung des Ich - in der Hypochondrie beispielsweise einer übermässig narzisstischen Besetzung des Körpers (Freud, 1918) - Eine Störung des gesunden Narzissmus in in bezug auf die Selbstliebe und die eigene Wertschätzung bedeutet die Entwicklung von polaren Formen von Selbstverliebtheit (statt Selbstliebe) und Selbstentwertung. Beide polaren Formen führen die betroffenen Menschen dazu, inständig damit beschäftigt zu sein, ihren Wert zu beweisen zu müssen: sie kämpfen dann gegen ein drohendes Gefühl ihres Unwertes an und „verbrauchen“ viel Energie zur Aufrechterhaltung, Einösung und Bestätigung eines lebensgeschichtlich gewordenen Bildes von der eigenen Person (Busch, 1977). Die eigene Selbstverliebtheit erscheint brüchig und
Wird allzu oft von der eigenen Selbstentwertung „unterlaufen“. In dieser (grösstenteils unbewussten) Dynamik hat sich längst liegt ihr Hunger nach Anerkennung „einnisten“ können. Es ist Teil des Dramas, dass - wenn im sozialen Umfeld Anerkennung geschenkt wird - sie diese fast regelhaft (partiell oder gänzlich) abschlagen bzw. relativieren „müssen“: „Ihr neues Kleid steht Ihnen wirklich ausgezeichnet !“ (Fast erschrockenes Innehalten) „Ja, ich hab ganz billig neulich bei ... erstanden.“

Ein Gefühl des eigenen Wertes, ein Gefühl der Einzigartigkeit und der Stolz auf die eigenen Fähigkeiten, ein Gefühl des Anerkannt-Seins und des Beachtet-Werdens durch andere, die Befriedigung etwas sehr gut bzw. besser machen zu können als andere in der Balance mit Bescheidenheit, Achtung gegenüber und Beachtung bzw. Anerkennung für andere, kann der erwachsenen Spur des eigenen, gesunden Narzissmus folgen und muss nicht zwangsläufig auf der Überholspur landen... Diese Gefühle können aber auch Angst machen. Und: sie können einem komplexen „Abwehrprogramm“ unterliegen. Würden wir sie zulassen, dann könnte es sein, dass sich Spuren früher Verletzungen und „Wunden“ auftun könnten - beispielsweise die Spur eines lebensgeschichtlich immer wieder erfahrenen Mangels an Beachtung und Anerkennung. Insofern kann ein „Zuviel“ an Anerkennung und Beachtung paradoxerweise bedrohlich werden.

Gegenüber dem erwachsenen, positiven Narzissmus, der kindlich-normale Narzissmus: das Bewundert-werden-Wollen („Schau, was ich schon alles kann!“) und das teils ungenierte Sich-Sonnen im Gefühl der Überlegenheit („Ich kann das ganz toll !“) - das beim reifen Erwachsenen als Selbstverliebtheit und egozentrisches Verhalten auffallen würde und deshalb diskret verborgen bleiben muss. Und ferner das kindliche Gefühl der eigenen Omnipotenz („Lass mich, ich kann alleine - ich kann es besser als wenn Du mir hilfst !“) Der
kindlich-normale Narzissmus sollte sich unter positiven Entwicklungsbedingungen und einer angemessenen Form empathischer Konfrontation (Frustration) in Richtung eines reifen Narzissmus (Selbstachtung, Selbstwertschätzung und Selbstliebe) über die Jahre wandeln können. Wenn der kindlich-normale Narzissmus von einem steten Mangel an Beachtung und Anerkennung unterspült bleibt oder wenn sich die kindlichen Grössenphantasien ein Introjekt eines omnipotenten Grössenselbst bilden, muss die Reifung des gesunden erwachsenen Narzissmus (als Selbstachtung und Selbstliebe) partiell oder mehr oder minder gravierend verstellt bleiben.

Ein Kind mit gesundem Narzissmus lernt sein Selbst zu lieben , wenn es das Gefühl hat, von der Familie geliebt zu werden. Ein Erwachsener liebt und achtet sich selbst, nicht nur, wenn er von anderen beachtet und anerkannt wird. Er hat gelernt, auch gegen den Strom zu schwimmen. Mit wachsender Unabhängigkeit achtet er sich selbst auch dann, wenn er durch andere zurückgewiesen und kritisiert wird. Ein unbewusstes Grundgefühl des Mangels an Beachtung und Anerkennung kann dazu führen, dass die Entwicklung des reifen Narzissmus kindlich „steckengeblieben“ ist. Das kollektive Mit-dem-Strom-schwimmen ist uns Deutschen aus der Geschichte sehr wohl bekannt - gewiss spielt auch hier (aus einer historischen und sozialpsychologischen Sicht) der Zusammenhang der Gewährung von Anerkennung und Beachtung (im Kontext erfahrener Kränkungen) eine zentrale Rolle.

Ob in der gekränkten Abwendung von der Welt, ob in der Wut auf den anderen, der die Beachtung und Anerkennung verweigert, ob im Rausch des offen gefeierten Erfolges, ob in der insgeheim auf Beachtung und Anerkennung spekulierenden Selbstinszenierung, ob in der omnipotenten Verfügung über den Anderen oder in der symbiotischen Unterwerfung unter ihn, ob im kreativen Prozess der künstlerischen Produktion, ob im gesunden Narzissmus oder in der narzisstischen Störung - die Dynamik von Anerkennung und Beachtung zeichnet vielschichtig-schillernde Bilder und Facetten.

In den Ausdrucksformen dessen, was wir Narzissmus nennen, sind unbewusste Botschaften an die Welt und die anderen Menschen enthalten. „Schau mich an, höre mich, verstehe mich, beachte mich, bewundere mich“ ! Oder: „Halte mich, liebe mich, erkenne mich an!“

Die Verweigerung des Grundbedürfnisses nach Beachtung und Anerkennung kann einhergehen mit schweren Kränkungen und Selbst- bzw. Selbstwertkonflikten. Sie kann zu posttraumatischen Erlebens- und Verarbeitungsformen führen. Ohne dass der Begriff Beachtung hier in wörtlicher Form eine Rolle spielt - befinden wir uns hier mitten in der Debatte um die frühen Störungsbilder des Narzissmus und der Borderline-Thematik sowie in den unterschiedlichen Selbstkonzepten von Kernberg, Kohut, Mahler, Winnicott und anderr. Auch hier in diesen Konzepten wird der Bedeutung des intersubjektiven Prozesses der Beachtung wesentliche Bedeutung beigemessen - wenn auch das Wort selbst „vermieden“ wird. Möglicherweise lässt sich aus der analytischen Sicht Beachtung schwerlich definieren und möglicherweise erscheint dieser Begriff allzu „banal“ oder „unseriös“ für wissenschaftliches und psychotherapeutisches „forschen“ - ähnlich wie auch der Begriff Liebe lässt sich Beachtung nur bedingt „exakt“ definieren - obwohl jeder (zumindest intuitiv) weiss, worum es geht und obwohl beide „Faktoren“ (die Liebe und die Beachtung) so bedeutsame „Auswirkungen“ implizieren.

Der Umgang mit Beachtung und Anerkennung ist keineswegs ein nur individuelles bzw. nur intersubjektives Phänomen. Allgemein beobachtet, erscheint Beachtung und wirkliche Anerkennung im gesellschaftlich-alltäglichen Leben eher als Leerstelle. Oberflächliche Scheinkomplimente und weit überhöhte Anerkennungsbekundungen („super, affengeil, hervorragend, einfach Klasse, ganz toll uvam...“) halten sich die Balance mit einer entfalteten „Kultur“ offener (latenter) Entwertung und Missachtung. Wirkliche Beachtung und Anerkennung geraten demgegenüber eher in die Defensive und schnell in den Verdacht idealisierender Schnulzigkeit oder vorgetäuschter Lobhudelei. Man schämt sich fast - selbst in vertrauten Kreisen - jemand wirklich anzuerkennen und Beachtung zu schenken.

Über den Austausch von Anerkennung und Beachtung regulieren wir unser Selbst- und Selbstwertgefühl - im Guten wie im „Schlechten“. Haben Sie sich schon einmal Gedanken über den Wert des alltäglich und dauerhaft stattfindenden Klatsch gemacht ? Menschen sitzen zusammen, sprechen über andere, die nicht anwesend sind. Die Wangen glühen, die „Einschätzungen“ werden immer treffsicherer. Man könnte sich fast überschlagen vor lauter analytischem „Scharfsinn“. Und. man fühlt „Einigkeit“ mit sonst Fremden und eine spezifische Form gegenseitiger „Anerkennung“ mittels geteilter Übereinkunft (über all dasjenige und diejenigen, die nicht anwesend sind). Man amüsiert sich köstlich und findet stets einen „neuen Aspekt“. Man bestätigt sich in der gemeinsamen Abwertung des Anderen. Welch eine „Lust“ !

Klatsch dient dem Austausch gegenseitiger Anerkennung und Bestätigung. Ähnlich wie die sozialen und gesellschaftlichen Vorurteilsbildungen im weiteren Sinn dient Klatsch der Regulierung des eigenen Selbstwertgefühls bzw. des Selbstwertgefühls der sozial Beteiligten. (Hiervon können ganze Industriezweige existieren und sonst eher „leblose“ Beziehungen aufrechterhalten werden: anstelle des zwischenmenschlichen Austauschs von Anerkennung und Beachtung „gelingt“ - sozialpathologisch - die eigene Selbstwertregulation durch einen selbstbestätigenden, entwertenden „Austausch“ mit dem Gegenüber .


Wir alle brauchen Anerkennung und Beachtung. Als Kinder und als Erwachsene. Beides „regelt“ unseren Selbstwert genauso wie unsere Identität. Ein Kind hat seine narzisstische Selbstwertregulierung noch nicht internalisiert. Ein Erwachsener sollte über sie verfügen. Beachtung und Anerkennung sind bedeutungsvoll und sind zugleich „Stolpersteine“ - unser Leben lang. Manche Menschen, die als Kinder so viel erdulden mussten,
brechen später nicht zusammen. Die frühen Faktoren sind nicht unbedingt die wichtigsten - manchmal können weit spätere Faktoren subtil wirken und entscheidende Determinanten in der Persönlichkeitsentwicklung sein, betont der Selbstpsychologe und Psychoanalytiker H.Kohut. Es ist eine Illusion zu glauben, dass auf der Basis eines sicheren Selbstwertgefühls der Austausch von Anerkennung und Beachtung keine Rolle bzw. sich gegen „null“ bewegen würde. Ein sicheres Selbstgefühl mag ein kohärentes basic feeling sein - aber es stets einem Prozess steter „Neuformulierung“ unterworfen. Solange der Selbstwert nicht nur ein „gefühltes Inneres“ ist, sondern stets an ein äusseres Wertesystem gebunden bleibt, ist er stets aufs neue gefordert. Ein die Pubertät oder ein Adoleszenz durchlaufender Jugendlicher muss sich in der Phase der geschlechtlichen Neuorientierung bzw in der Phase des Übergangs ins Erwachsenenleben neuen Herausforderungen stellen - das bestehende Selbstwertgefühl wird in Frage gestellt, weil neue Kompetenzen der Abgrenzung und der Anpassung an die jeweilig neue Lebensphase noch nicht präsent sein können. Gleiches gilt später beim Studienabschluss, beim sich „auf jemand wirklicher einlassen“, bei Trennungen, beim Kinderkriegen und „Aufziehen“ sowie bei der Auseinandersetzung mit Krankheit, neuen Lebensphasen und Tod: unter normalen Umständen brauchen wir bei alledem Anerkennung und Beachtung. Die Kränkbarkeit einer Person verweist auf den sensiblen Teil ihrer Lebendigkeit.

Möglicherweise trägt der gesellschaftliche Umgang mit Beachtung und Anerkennung spezifisch-deutsche Züge einer Entweder-Oder-Spaltung: Erst ist jemand „super“, dann bröckelt der Putz und letztendlich bleibt ihm nur Schmach und Demütigung. Oder umgekehrt: erst jemand der „loser“, steigt auf und wird Held. dann. Ein Volk braucht dauerhaft seine „Sieger“ und seine „Erniedrigten“ - häufig in einer Person...


MISSACHTUNG UND ENTWERTUNG.

Beachtung hinterlässt ein Gefühl des eigenen Wertes und ein Gefühl für die eigene Würde. Beides paart sich mit einer Zuversicht, etwas „Gutes“ im Leben bewirkt zu haben und bewirken zu können. Beides ermöglicht uns (eventuell) die „negative Schleifspur“ unseres Tuns und Handelns in Grenzen halten zu können. Das Gegenteil von Beachtung ist Missachtung. Gewalterfahrungen sowie körperliche, sexuelle und emotionale Ausbeutung enthalten im Kern Missachtung. Missachtung muss in jeder Phase des Lebens als persönliches Defizit verarbeitet werden. Missachtung schwächt, zerstört und verletzt Körper und Seele. Missachtung ist Seelenmord. Sie zerstört Formen der Selbstachtung und Selbstliebe. Auch in einer gemässigteren Form zielt sie beim Gegenüber nicht auf Veränderung oder Reifung, sondern auf Rückzug, Kampf und Selbstdestruktion - „Du wusstest noch nie, was Liebe ist !“ „Ich habe mich sehr getäuscht in Dir !“ „Früher konnte ich wenigstens stolz auf Dich sein !“

Die vielfältigen Ausdrucks- und Verarbeitungsformen der Entwertung und Missachtung bzw. des Mangels an Beachtung und Anerkennung enthalten (zumeist unbewusste) Botschaften an die Welt. Übersetzt lauten die positiven suggestiven Mitteilungen des Bedürfnisses nach Beachtung etwa so: „Schau mich an, höre mir zu, beachte mich, schenk mir Anerkennung!“ Oder: „halte mich, erkenne mich an, liebe mich!“ Die negativen Botschaften können heissen: „Weil Du mir den Blick verweigerst, weil Du mir keine Beachtung schenkst, weil Du mir keine Aufmerksamkeit und keine Anerkennung schenkst, ziehe ich mich von Dir zurück, greife Dich an, entwerte oder bekämpfe Dich!“ Oder „Mit einer Welt, die mich so behandelt hat, will ich nichts zu tun haben!“


Im zwischenmenschlich-alltäglichen oder im therapeutischen Geschehen sind wir häufig Adressaten solcher Botschaften. Diese unterschiedlichen Botschaften haben eines gemein: sie zeigen ein Verhältnis der Person zu sich selbst, das mit dem Verhältnis dieser Person zur Welt in einer besonderen Weise verkoppelt ist. Insofern ist das Verhältnis dieser Person zu sich selbst subjektiv, interpersonell und weltbezogen. Der Andere (und die Welt) ist Spiegel des eigenen Selbst. Und: in der Erwartung eines Echos ist es der stumme Blick des Selbst auf den Anderen (bzw. auf die Welt) mit der unausgesprochenen Frage: Wer bin ich? Wie seht Ihr mich? Werde ich gesehen? Wie siehst Du mich? Werde ich geschätzt und geliebt oder zurückgewiesen und verlassen?

Der Austausch von Beachtung impliziert eine durch den anderen vermittelte Selbstsicht und vermittelt umgekehrt meinem Gegenüber dessen Sicht von sich selbst (oder Aspekte davon). Beachtung enthält damit stets einen selbstreflexiven Bezug zum Anderen und zur Welt. Dies allein reicht aber noch nicht. Wir würden uns sonst lediglich im Spiegel unseres Gegenübers erkennen bzw. erleben.

Die Spiegel-Metapher enthält lediglich den Blick von aussen auf das Selbst - nicht aber die eigene Selbstreflexivität der Person. Letztere bedarf der Distanz und ermöglicht erst dadurch das eigene Erleben und Wahrnehmen des eigenen Selbst in der Vielfalt seines Seins. Erst in diesem dialektischen Prozess zwischen Selbst und Gegenüber bzw. zwischen Selbst und Welt, entwickelt sich der Zusammenhang und die Balance von Beachtung und Selbstachtung, von Selbsterkenntnis und Selbstgewissheit.


Zu den traumatischen Erfahrungen des Mangels bzw. des Entzugs von Beachtung gehören gleichermassen Erfahrungen des Zurück-gewiesen-Seins und des Nicht-dabei-sein-Dürfens. Beispiel: „Du tätest besser, wenn Du nicht auf der Welt wärest“ - „Mir wäre lieber gewesen, wenn Du ein Junge (oder ein Mädchen) geworden wärest“. Oder im Sinne der „abgeschwächteren“ Formen latenter Entwertung von „So, wie Du bist, kann ich Dich nicht wirklich lieben“. Oder: „So manches ist schon recht an Dir, aber eigentlich bist Du nicht richtig für mich)“ oder „Wärest Du so oder so, dann könnte ich Dir auch meine eigentlichere Zuwendung und Beachtung schenken. Aber Du bist halt nur so...“


In der Erzählung des Ovid der existentielle Konflikt zwischen dem Bedürfnis nach und der Verweigerung nach Beachtung eindrücklich dargestellt: die Nymphe Echo liebt den jungen Jäger Narziss leidenschaftlich Aber Narziss aber ist nicht in der Lage, diese Liebe Echos zu erwidern. Narziss verweigert Echo seine Beachtung. Und im Leid verschmähter und unbeantworteter Liebe sowie im Mangel an würdigender Beachtung bleibt Echo nur der quälende Weg der eigenen Verwandlung zu Stein. “Niemand vermochte den Schönen (Narziss) zu rühren“, schreibt Ovid. Als Stein geworden, kann die Nymphe Echo lediglich Worte widerhallen - durch den Mangel an Beachtung verliert sie ihre eigene Sprache. Der Ausdruck ihrer Leidenschaft und Liebeskraft bleibt versteinert und verunmöglicht. Narziss indessen findet ein Gewässer und entdeckt spiegelbildlich seine eigene Schönheit.

 

SELBSTLIEBE VERSUS SELBSTVERLIEBTHEIT.

Aber dieses Spiegelbild, dass Narziss an der Wasseroberfläche entdeckt, ist kein inneres Bild seines eigentlicheren Selbst, sondern gibt ein Bild wider, das die Aussenwelt (hier in der Form der spiegelnden Wasseroberfläche) von ihm hat. In dieses Bild verliebt sich der Jünglich Narziss. Dieser Spiegel ist subjektlos. Narziss liebt nicht sich selbst im eigentlicheren wie im gesund-narzisstischem Sinn. Narziss entdeckt seine Schönheit in eigener Selbstverliebtheit. (Narzissmus bezeichnet demgegenüber im ursprünglichen Sinn die gesunde Selbstliebe, die für das leibseelische Wohlbefinden notwenig ist. Gesunder Narzissmus heisst ursprünglich die Balance zwischen Selbstachtung, die aus der lebensspezifischen Bewältigung von Anforderungen erwächst und dem Vertrauen auf die Hilfe und Unterstützung durch andere, wichtige Menschen. Um im Leben zurechtzukommen, muss sich ein Mensch selbst lieben und achten).

Narziss` Selbstverliebtheit ruft den Groll der Götter hervor – sie können`s einfach nicht mit ansehen ! Narziss darf als Mensch nicht weiterleben - die Götter verwandeln sein menschliches Wesen in eine Pflanzengestalt. Mögen Menschen ihn in der Form einer Blumengestalt bewundern - vom zwischenmenschlichen Prozess des Austauschs von Beachtung und Anerkennung bleibt er ausgegrenzt.

Menschen, die ihre Grundbedürfnisse mangelhaft (möglicherweise gar nicht) sättigen, austauschen und befriedigen, werden krank. Psychisch, somatisch, psychosomatisch. Dies gilt für die primären Bedürfnisse ebenso wie für die sekundären d.h. die sozialen Bedürfnisse. Perls (1976) sprach von Löchern in der Persönlichkeit und bezog sich auf den Mängel des Austauschs von Beachtung. Bietet ein Therapeut, der bei sich in Bezug auf den Klienten eine positive Wertschätzung erlebt, diesem emotionale Wärme an und begegnet ihm darin, dann wird er auch beim Klienten ähnliche Gefühle hinsichtlich dessen Selbst auslösen, so dass dieser sich selbst ebenfalls mehr Achtung und Akzeptanz entgegenbringen kann, betonte Rogers (1987). In der Selbstpsychologie Kohuts (1993) wird zum einen die Bedeutung des Austauschs von Empathie und Gegenseitigkeit hervorgehoben und zum anderen die Sucht nach einem bewundernden Anderen zur Regulierung des Selbstwertgefühls hervorgehoben.

Aus existenzphilosophischer Sicht – wie aus psychodynamischer und entwicklungspsychologischer Sicht - dient die Beachtung bzw. der Austausch von Beachtung der Bestätigung des Da-Seins. Wenn wir dem Anderen Beachtung schenken, sagen wir ihm damit zwangsläufig: “Ich sehe Dich.” Dadurch bestätigen wir sein Dasein - auf die eine oder andere Weise. In und mittels unserer Beachtung vermitteln wir dem Anderen ein Gefühl von "Du bist da.” (vgl. hierzu die Schriften von Heidegger, Husserl, Merleau-Ponty, Buber, Rogers, Perls u.a.)

Jeder von uns kennt den Unterschied zwischen Selbstliebe und Selbstverliebtheit. Jeder von uns ist in der Zeit auf die eine oder andere Weise nicht beachtet worden, als die, die wir waren und die, die wir sind - als quengelnde Babies, als spielende Kinder, als Jungen oder Mädchen, als ihre Sexualität aufspürende Jugendliche, als Männer und Frauen, als Liebende oder als Menschen in Krisen und Krankheit. Der Mangel an Beachtung konnte weh getan haben, und er konnte in der Zeit auf die eine oder andere Weise verarbeitet und aufgehoben werden - durch neue Erfahrungen, liebevolle Beziehungen und einem Sich-Stellen-in-der-Welt.


VOM HEILEN UND VON DER WIEDERKEHR VON WUNDEN.

Unser Gesamtorganismus als Körper-Seele-Selbst-Geist Ganzheit verfügt über zwei existentielle „Linien“ der Entwicklung - beide Linien werden seit Jahren übrigens auch von der modernen Gehirnforschung aufs Neue belegt:

Erstens. Die Erfahrung des Mangels an Beachtung, einschliesslich der Erfahrung von Demütigung und Entwertung können sich aufhebend lösen und integriert werden. Diese Möglichkeit entspringt dem gesamtorganismischen Potential Geschehenes abzuschliessen und heilen zu lassen, damit die blockierte Entwicklung der Person fortschreiten kann. Die moderne Gehirnforschung spricht in diesem Zusammenhang vom Wirkmechanismus der informationsverarbeitenden Systeme, die nach dem Prinzip des Ausgleichs, der Verarbeitung von Erlebtem sowie einer Spur der Homöostase und des Ausgleichs folgen. Erfahrungen werden (teilweise partiell) wiedererlebt, verarbeitet und integriert - diesem Aspekt war aus der Sicht der Psychoanalyse bereits Freud in seinen Beschreibungen der Bedeutung des Traumes gefolgt. Weitere Arbeiten aus der Humanistischen Psychotherapie, letztendlich auch aus der Medizin sind bekannt.

Zweitens: Die Verarbeitung von Erfahrungen des Mangels an Beachtung, einschliesslich von Erfahrungen von Demütigung und Entwertung kann deshalb blockiert sein, weil unser Gesamtorganismus über eine Linie des Sich-Schützens verfügt. Gemeint ist der Schutz vor erneutem Schmerz und erneuten Verletzungen, welche Gefahren signalisieren und gewachsene Ressourcen bedrohen können. Diese Linie könnte man Vermeidung nennen: die Vermeidung dient dem Schutz. Psychische wie körperliche Abwehrmechanismen machen Sinn, weil sie Schutz gewähren, selbst dort, wo kein Schutz mehr nötig ist. Der vermeidende teil des Selbst ist bestrebt die Person zu schützen - zu schützen vor dem erneuten Wieder-Erleben-Müssen. Emotionale Betäubung, Gefühle
der Grossartigkeit, Mechanismen der Spaltung und Dissoziation, gekränkte Abwendung von der Welt, destruktive Rache, stille Anklage, die Aufrechterhaltung des Opfer-Seins - all dies kann uns schützen - zumindest im inneren Bild und in der eigenen (bisweilen unbewussten) lebenspraktischen Auseindersetzung mit anderen Menschen und mit der „Welt“. Ob uns dieser Schutz „wirklich“ schützt - ist eine andere Frage.

 

BEACHTUNG UND ANERKENNUNG - ÜBERGÄNGE UND UNTERSCHIEDE.

Beachtung meint Aufmerksamkeit gegenüber der Existenz des Anderen. Sie meint Aufmerksamkeit fbezogen auf das DaSein unseres Gegenüber. Anerkennung bekommen wir aus lebensgeschichtlichspäter Perspektive gesehen später. Wir bekommen sie dann für das, was wir leisten, was wir lernen und gelernt haben; für das, was wir tun und wir bekommen sie dafür, wie wir etwas tun. Anerkennung differenziert in gut, in weniger gut, in schlecht oder mittelprächtig - Beachtung differenziert nicht. Sie gilt vielmehr dem Eigentlicheren in der Person, also dem der wir eigentlicher sind. In der Literatur finden wir hier Begriff des Wahren Selbst, des Kerns oder des Wesens einer Person. Jemandem Beachtung schenken meint, dass wir einen inneren Zustand einnehmen, bei dem wir unser "Ego" ein stückweit hinter uns lassen und damit frei (freier) von Wertungen, inneren Überzeugungen, Wünschen und Projektionen werden können. Diesen Zustand können wir bewusst einnehmen im einfachen Schauen, Spüren und Staunen.

Es ist wichtig, zwischen Anerkennung und Beachtung zu unterscheiden - meines Erachtens ist es wichtig, sich diesen Unterschied zu vergegenwärtigen. Eine Verwechselung und ein "Durcheinanderbringen" von Anerkennung und Beachtung bzw. ein Nicht-unterscheiden zwischen dem Bedürfnis nach Anerkennung und dem Bedürfnis nach Beachtung kann negative Auswirkungen zeitigen.


Ein Beispiel.
Viele Studierende erhoffen sich (zumeist unbewusst) während der unmittelbaren Situation ihrer Examensprüfung auch Beachtung von der Person des Prüfers/der Prüferin. Sie hegen dann den (zumeist unbewussten) Wunsch als "ganze Person" wahrgenommen zu werden und „vergessen", dass es in diesen Examensprüfungen im Grunde nur um Anerkennung für die Möglichkeit des Abrufens von Wissen gehen kann. Mag ihr Wunsch nachvollziehbar sein - Prüfungen sind aber "nur" Prüfungen, und neben einem Austausch von Freundlichkeiten kann es lediglich um den Austausch von Anerkennung gehen: Anerkennung für die Wiedergabe des Erlernten, der wissenschaftlichen Präsentation uam. Um Beachtung im oben genannten Sinne kann es nicht gehen. Wenn eine Prüfung derart „aufgeladen“ wird, dann kann es sein, dass der Prüfer/die Prüferin sich in der unmittelbaren Situation des Prüfungsgeschehens in der Gegenübertragung (eher unbewusst) dagegen wehrt (weil er/sie sich quasi überfordert fühlt) Dies kann dazu führen, dass ein angemessens Mass eigener Anerkennung durch den Prüfer „zurückgenommen wird - bis hin zur vollständigen Nichtgewährung von Anerkennung.

Auf der Seite der Studierenden kann das unbewusste Zusammentreffen des Wunsches nach Beachtung und des Wunsches nach Anerkennung zu „unguten“ Gefühlen - auch zu für Prüfungsängsten führen.

Wenn sich in alltäglichen Beziehungen bzw. in Liebesbeziehungen die Frage „Liebst Du mich und siehst Du mich auch wirklich ?“ chronifiziert und ständig „mitgeschleift“ wird, sind Beziehungsverstrickungen unausweichlich. Und: der Mangel an subjektiver Unterscheidungskompetenz kann dazu führen, dass selbst einfachste Anerkennung ausbleibt und aggressiv konontiert verwehrt bleibt - der Kreislauf des Mangels an Beachtung und der Kreislauf der Selbstentwertung bzw der Entwertung durch andere kann erneut in Gang gesetzt werden...

Beachtung stärkt unser Grundgefühl von " Ich bin ", von "Ich bin in der Welt,', von " Ich bin Teil dieser, meiner Welt ", von „der andere sieht mich, ich fühle mich gesehen“, „ich fühle mich grundsätzlich angenommen“.

Ein Gefühl des "In der Welt seins" ist ein existentielles Merkmal des Menschen - dies betonten sehr eindrücklich die Vertreter der Existenzphilosophie und Phänomenologie sowie auch bedeutsame Vertreter der Humanistischen Psychologie und Psychotherapie, welche sich unabhängig und neben dem Klinischen und Pathogenem „im“ Menschen dessen Wachtums- und Existenzfragen widmeten. (W. Reich, C.G. Jung, F. Perls, C. Rogers uam.) In der körperorientierten Psychotherapie gibt es vielfältige Möglichkeiten mit Hilfe von Übungen und Behandlungstechniken an diesen existentiellen Momenten zu arbeiten. Im wissenschaftlichen Diskurses der sogenannten Richtlinien-Psychotherapieverfahren der Klinischen Psychologie und Psychotherapie werden solche Fragestellungen immer weniger thematisiert.

Wir brauchen beides: Anerkennung und Beachtung. Beides dient dem Wachstum der Person. Und so wichtig es ist, zwischen beidem zu unterscheiden, so schwerlich ist es häufig, zwischen beidem unterscheiden zu können -häufig fügt sich das Eine im Anderen.

Ein Beispiel.
Meine Tochter Sophie (10 Jahre) malt ein buntes Bild und zeigt es mir voll Stolz. Ich kann ihr Beachtung schenken im Sinne des "es ist ein Bild von Dir" und ich kam gleichzeitig Anerkennung zollen im Sinne von "wie schön hast Du die Farben ausgewählt, wie phantasiereich ist das Bild im Gesamten“. Mich auf der Ebene der Anerkennung bewegend, zolle ich ihr Lob (Anerkennung) und verbleibe vorwiegend in der Rolle des begutachtenden Vaters. In dieser Rolle „verbaue“ ich mir die Möglichkeit der Beachtung. Diese Stimme würde vermitteln: „Es ist ein Bild von Dir.“ Diese Stimme würde den Glanz in den Augen bemerken und die Hinbewegung hin zu mir spüren. Sie würde registrieren, dass es ein Geschenk ist - ein Geschenk von ihr für mich. Vielleicht aus Dankbarkeit – vielleicht aus einer momentanen Stimmung... Dann verlasse ich de Ebene der
Anerkennung (hier durch Lob) und öffne uns eine (eh schon offene) Pforte: den Austauschs von Beachtung.

Wir brauchen beides: Anerkennung und Beachtung. Wir können beides austauschen, auch „fliessend“ - aber wir sollten den Unterschied nicht „vergessen“. Und darauf achten: wann, wo, mit wem, auf welcher „Grundlage“ , wie viel? ... (nicht auf technischer, sondern selbstreflektorisch-intuitiver „Grundlage“)

Wenn wir über die Zeit der vielen Jahre "verlernt" haben, den Unterschied zwischen unserem Bedürfnis nach Beachtung und unserem Bedürfnis nach Anerkennung wahrzunehmen und der Neigung verfallen, beides beständig miteinander zu "verwechseln"; wenn wir ferner in einem (eher unbewussten) Mangel an Beachtung (im Sinne des Gesehen-werden-wollens) verharren, dann kann es dahin kommen, dass wir in der Zeit abhängig werden von äusseren Quellen der Anerkennung, um damit die "Löcher" die durch den Mangel an Beachtung (bzw. durch Entwertung und Demütigung) entstanden sind, kompensatorisch „zustopfen“ zu wollen. Dann kann es sein, dass wir nach aussen gerichtet ganz viel tun und leisten, um Anerkennung zu erheischen - im eher vor- oder unbewussten Wunsch (Grundbedürfnis nach Beachtung. Und: es kam sein, dass wir - trotz aller Anerkennung - quasi leerlaufen - im ungestillten Bedürfnis und dem Hunger nach Beachtung.


DER HUNGER NACH ANERKENNUNG.

Ein Mangel an Beachtung für das Eigentlichere in uns kann uns dazu führen, ganz viel tun zu "müssen", um sie doch noch - oder an ihrer stelle „wenigstens“ - die Anerkennung zu bekommen. Die kompensatorischen Möglichkeiten des Umgangs mit dem Selbst- und Selbstwertkonflikt sind vielfältig. Er reicht von „blinder“ Kontrolle anderen Menschen gegenüber zum Selbstlauf des Anhäufens von Macht und Ansehen (im kleinen wie im Grossen); vom „Sammeln“ von Beziehungen und dem heimlichen Zwang „In-und-cool-sein-zu-müssen“. Wir kleiden uns schick, zeigen die Familie her und verkörpern angepasste Effizienz (oder auch eine chronische Form postpubertärer Nichtangepasstheit). Vielleicht suchen wir spirituelle Lehrer, die gerade "in" sind und einen hohen Tauschwert garantieren. In der Postmoderne ist selbst Sinnfindung und geistige Entwicklung interpersonell vermarktbar. Aber bei alledem bleiben wir wie einst das brave Kind: wir entwickeln feinfühlige Sensoren dafür, was Anerkennung „bringen“ kann und wofür wir Beachtung (letztendlich Liebe) und Seelenfrieden bekommen können. Als Kinder fingen wir an, "lieb und brav" zu sein, "gut und schlau", "sauber und freundlich" und entwickelten bei alledem feinfühlige Sensoren dafür, uns anerkannt und "geliebt" zu fühlen zu können. Dies alles um der ungeheuren Macht des Schmerzes gegenüber dem Gefühl des Ungeliebt-seins, des Nicht-gewollt-seins
Und des Ausgeschlossen-seins aus dem Wege zu gehen. Erst in Therapien wird oftmals offenkundig, wie viel
Menschen dafür investieren (und investiert haben) g e l i e b t z u w e r d e n.

Im Zeitalter der sog. Postmoderne hat sich der Austausch von Formen oberflächenhafter Anerkennung verbreitert, überhöht und "verschnellert". Wir erhalten oft sehr schnell Anerkennung - viel schneller als früher ("find ich Spitze..." "find ich ganz toll...."). Es scheint, als ob sich die Schere zugunsten oberflächlicher Anerkennung und zuungunsten der des Austauschs von Beachtung verschiebt.

Im lebensgeschichtlichen Ringen um Anerkennung kann es sein, dass wir verlernen, zu fühlen und zu "wissen" was Beachtung ist. Und es kann passieren, dass - wenn wir Beachtung bekommen - ganz irritiert sind. Es kann sein, dass uns Beachtung eher verstört sind und wir glauben, es müsste sich um ein Irrtum handeln. Es kann vorkommen, dass wir Beachtung als bedrohlich erleben oder dass wir glauben, sie könnte unmöglich uns gehören. (letzteres finden wir im Alltag und häufig in Psychotherapien). Und es kann drittens sein, dass wir in all dem Ringen um Anerkennung, diese dann gar nicht annehmen können, wenn sie uns geschenkt wird...

Während meiner mehrjährigen therapeutischen Arbeit mit an HIV und an AIDS erkrankten Menschen habe ich häufig die folgende Erfahrung machen können: diese Menschen bekamen von nahen Freunden und Angehörigen trotz ihrer Krankheit, ihrer Bettlägerigkeit und ihrer betreuerischen Abhängigkeiten Beachtung. Diese Beachtung galt den erkrankten Menschen und ihrem "Schicksal", mit dem sie eindrücklich konfrontiert waren. Diese Menschen waren oft ganz hin und her zwischen Dankbarkeit, Rührung, Verwirrtheit und Ablehnung. Manchen war diese Beachtung viel zu viel - insbesondere zu einem Zeitpunkt, zu dem sie sich trennen mussten von sozial anerkannten Attributen und "Werten" der Leistungsfähigkeit, der Attraktivität, des Gesundseins und der Selbständigkeit. Es schien so, als ob die Freunde und Angehörigen - mehr und anders als ehedem - ihretwegen und zu ihnen kamen. Und umgekehrt, die Betroffenen machten sich auf den Weg, das Annehmen von Beachtung neu erlernen zu müssen.


Alles, was wir Menschen miteinander und untereinander tun, basiert „untergründig“ auch dem Austausch von Anerkennung - möglicherwiese auch dem Austausch von Beachtung. Der oft untergründige Austausch von Anerkennung ist in der Regel eher vor- oder unbewusst. Er „schwingt“ mit ohne angesprochen zuwerden.


Beispiel: hier und gerade. Offiziell ein Fortbildungsworkshop; untergründig auch Austausch von Anerkennung Ich selbst bekomme Anerkennung (hoffentlich !). Und ich selbst schenke Anerkennung (hoffentlich !) - der gesamten Gruppe und jedem Einzelnen. Am Ende der Fortbildungstage geht es uns in der Regel gut, manchmal sehr gut (manchmal auch weniger gut oder gar schlecht). Und am Ende der Tage nehmen wir - jeder von uns - das Gefühl mit, "wahrgenommen, gesehen worden zu sein bzw. andere wahrgenommen und gesehen zu haben". In der einen oder anderen Art und Weise.Das deutet darauf hin, dass sich die Einzelnen Teilenhmer und Teilnehmerinnen der Grupppe untereinander und mit mir begegnet sind. Jeder tut das auf seine eigene Art und Weise. Ob wir lehren, lernen, lieben, predigen, zuhören musizieren oder unser täglich Tagwerk tun; beständig Austausch von Anerkennung, partiell auch Austausch von Beachtung.

Unsere spätIndustrielles System einschliesslich der postmodernen Gesellschaftskultur lebt inständig vom Austausch von Anerkennung sowie vom vor- oder unbewussten Hunger nach beidem. Jeder von uns will "gesehen und wahrgenommen" sein. Aus der Sicht der materiellen Welt sind der scheinbaren Sättigung des Bedürfnisses nach Anerkennung und „gesehen sein“ kaum Grenzen gesetzt. Ganze Industriezweige leben davon - die Kosmetik- und Kleidungsindustrie, die Autoindustrie, die Medienindustrie, die Designeindustrie, die Kulturindustrie, die Ökoindustrie, die Sportindustrie und vieles andere mehr. Jede Ware könnte neben dem Preisschild einen „Anerkennungsaufkleber“ tragen. "Hinter dem Rücken der Dinge" (hinter dem materiellen und ideellen Schein) geht es mittels dieser Dinge wesentlich um den regen Austausch von Anerkennung und - sozusagen tiefgründiger - um die Sehnsucht und den Hunger nach Beachtung. Kommt es dazu, dass all die Dinge den "schönen Anerkennungs-Schein und dessen Wert darin" verlieren, dann landen diese Dinge auf dem Müllhaufen der Geschichte: im Hunger nach Beachtung und im Spiel des Austauschs von Anerkennung haben sie offensichtlich ihren Platz verloren und müssen einen Deponieplatz einehmen... anderes wird bedeutungsvoller...Der Hunger bleibt nur die „Dingenwelt“ wir ersetzt und erneut ausgetauscht...

Beispiel:
Denken Sie an die rosa Plüschkissen in den Hutablagen der Rückfenster der Opels der 60iger Jahre; an die Zeit der Verspoilerungen der 70iger und 80iger Jahre; an das Edelholzdesign der 90iger Jahre und an die heutigen Möglichkeiten, sich ein Auto „ganz nach dem eigenen Geschmack“ produzieren und disignen lassen zu können. All die diente und dient in der Zeit auch dem Austausch von Anerkennung und dem unbewussten Wunsch nach Beachtung. Und alles verliert in der Zeit diese Funktion, sobald sich verändernde Zeiten diesen Dingen diese Funktion entziehen...

Für einen grossen Teil der Bevölkerung zeigt sich Krisenzeiten der Ökonomie und Politik der folgende Kreislauf:
wenn hier die Hoffnung den inneren Mangel an Anerkennung durch äussere Dinge ausgleichen zu können nicht -oder besser: weniger denn je erfüllt wird - dann können die subketiven Kränkungsgefühle besonders gross werden. Und wenn sich diese Kränkungsgefühle einerseits mit enttäuschten Hoffnungen (aus der Zeit der Wiedervereinigung) und andererseits mit realen Ängsten verbinden, dann entwickelt sich ein sozialpsychologisches bzw. poltisches Klima, dass zwischen Depression/Frustration und Resignation und Wut/Radikalisierung und destruktiver sind Gewalt hin und her zu schwanken scheint.

Solange das Bedürfnis nach Beachtung vor- oder unbewusst bleibt, solange wir angewiesen auf zufällige Quellen der Anerkennung. Solange sich unser Hunger nach Beachtung als unstillbar erweist, solange bleiben wir in dem, was wir tun und in dem wie wir es tun, beeinträchtigt. Wir tun dies dann weder der Sache wegen, noch aus unseren Sinnen und aus eigenem Engagement heraus. Wir tun es weniger im Kontakt mit unserem Sein und unserer Person (Büntig), sondern wir tun es, um einen grösstmöglichen Teil unseres vor- oder unbewussten Hungers nach Beachtung bzw. nach Anerkennung zu befriedigen. Hierin laufen wir Gefahr, uns zu verzehren - heute weniger, morgen mehr....

Wenn wir "verlernt" haben, zwischen unseren Bedürfnissen nach Beachtung und Anerkennung zu unterscheiden, wenn uns unser Grundbedürfnis nach Beachtung sehr weitgehend aus dem inneren, emotionalen Sichtfeld "rutscht" und wenn wir drittens wenig bewusst darin sind, wann, wieviel, von wem, für was wir Anerkennung brauchen, dann bleiben wir angewiesen auf zufällige Quellen der Anerkennung.

Wenn wir - umgekehrt Anerkennung und Beachtung direkt und bezogen austauschen - wenn wir immer mal wieder schauen und sehen, wer Du bist und wenn wir darangehen, uns dem anderen zu zeigen, wer wir sind, wenn wir uns ferner üben im genaueren u Hinhören, was der Andere sagt - dann erübrigt sich das zumeist ablenkende „Gequatsche“ über dies und jenes. - Der Andere hat mir zugehört, der andere hat mich wahrgenommen und gesehen. All dies in den Grenzen dessen, was möglich ist. - das tut gut...

Wenn wir mit unserem Grundbedürfnis nach Beachtung unbewusst umgehen, und uns auf den den kompensatorischen Weg des Erheischens von Anerkennung machen, dann bleiben wir (und werden immer aufs Neue) abhängig von zufälligen Quellen der Anerkennung und den vielen "falschen Formen der Beachtung ". Wir machen uns auf, denjenigen Menschen und „Mächten“, sehr viel Einfluss über uns zu geben, die uns Anerkennung zollen. Je mehr emotionaler Druck, desto zufälliger die Quellen und je intensiver die Abhängigkeit.
Je mehr Hunger, desto mehr verlieren wir unsere inneren "Richtschnuren" für das, was "richtig" und wichig für uns ist und für das, was "falsch" ist und was uns eigentlich schadet. Der Hunger nach Anerkennung kann zu einer Art Sucht werden. Sucht macht bekanntlich blind. Wir verlieren uns in Abhängigkeiten. Weil diese weitgehend immaterieller Art ist, ist sie schwer sichtbar - anders als die Sucht jeden Tag zur Flasche greifen zu müssen. In Abhängigkeit von Quellen der Anerkennung überlassen wir den Anderen Macht über uns gewinnen. Wir verlieren den Kontakt zu all dem, was wir "eigentlicher" wollen und den Kontakt zu dem, was wir "eigentlicher" sind. Wir verlieren den Kontakt zu unseren inneren gedanklichen und sinnlich-emotionalen Informationsquellen, die uns andeuten, worum es "eigentlicher" geht in unserem Leben - im alltäglichen Hier und Jetzt und im Zukünftigen. (Büntig,...)

In der vor- bzw. unbewussten Abhängigkeit von Anerkennung und Beachtung können unsere Gegenüber die Schraube anziehen und lockern. Je grösser unser innerer emotionaler Hunger und je grösser unsere Abhängigkeit von den zufälligen Quellen, desto grösser die Angst vor dem Verlust dieser Quellen. Wenn wir diese äusseren Quellen als verinnerlichte Repräsentanzen installiert haben, dann kann sich das Mass unserer Abhängigkeit um ein weites verdichten und vergrössem.

Der unbewusste Hunger nach Anerkennung kam uns an andere Menschen binden - sowohl in der Form der Dominanz als auch in der Form der Unterwerfung. Solche Bindungen haben stets destruktiven Charakter. Wir brauchen solche Bindungen wesentlich zur Aufrechterhaltung und zur Regulierung unserer Bedürfnisse nach Anerkennung bzw. nach Beachtung bzw. zur Regulierung unseres Selbstwertes. Scheinbar können wir unseren unseren Hunger stillen. Aber was ist, wenn der andere „aussteigt“ ? Je abhängiger wir sind, desto "schaler" schmecken solche Bindungen - bisweilen müssen wir uns der Anderen entledigen, weil wir die eigene, negative Abhängigkeit und das eigene Gefühl des Ausgeliefertseins immer deutlicher spüren und "abstreifen" wollen, wie eine Schlangenhaut. Liebesliedertexte bringen es auf einfache Weise ans Tageslicht: Ohne Dich bin ich nichts..."; Nur Du, Du, Du allein..."; "Only you..." Die modernen Texte der neuen Popkultur sind nur marginal anders.

Wenn wir lernen, mit unserem Grundbedürfnis nach Beachtung bzw. unseren Bedürfnissen nach Anerkennung bewusster umzugehen, dann entfallen die zahlreichen zufälligen Quellen, die diese beiden Bedürfnisse scheinbar zu sättigen. Umgekehrt: der unbewusste Umgang mit diesen Bedürfnissen lässt uns - mal mehr, mal. weniger - nicht wirklich satt werden. Wieder: wenn wir etwas tun und nicht satt werden, liegt Sucht vor - wenn ein Bedürfnis durch anderes Bedürfnis "überdeckt" wird, wir aber gleichzeitig ein Gefühl dafür besitzen, was wir „eigentlicher“ wollen und wollten, dann wir ungesättigt. Der Hunger nach Anerkennung und das unbewusste Umgehen mit Beachtung können zur Sucht werden. Beispiel: wem sich der Hunger nach Anerkennung und der vor- oder unbewusste Wunsch nach Beachtung sexualisiert und erotisiert, dann schlafen Menschen miteinander und bleiben trotzdem unbefriedigt. Weil das ,eigentlichere" Bedürfnis nicht "zur Sprache" kam, kann es für den Moment "schön" gewesen sein - können sich aber im Nachhinein wieder die alten "Löcher" auftun. Das existentielle Grundbedürfnis nach Beachtung lässt sich nicht mit einem lebensgeschichtlich "späteren" Bedürfnis - der Sexualität abdecken und sättigen; so wie wir Durst nicht mit Kartoffelbrei löschen können.

All dies ist ein alltäglicher Prozess des Lernens und Übens.


• Schauen, wieviel wir tagtäglich dafür tun, um Anerkennung zu bekommen.

• Wie abhängig und/oder wie unabhängig wir äusserer Anerkennung sind ?

• Wieviel Anerkennung schenken wir uns selbst und wie viel Anerkennung schenken wir Anderen?

• Für was, von wen, zu welchem Zeitpunkt, in welchen Zusammenhängen suchen wir Anerkennung ?

• Unterscheiden und erahnen wir echte von eher „unechter“ Anerkennung ? Wie unterscheiden wir zwischen Anerkennung und Beachtung ?

• Von wem wollen wir beachtet werden ? Von wem wollen wir gesehen und wahrgenommen werden?

• Wie lebt es sich, wenn wir uns von unseren eingeschliffenen Ritualen des Heischens nach Anerkennung und Beachtung lösen?

• Welche Quellen der Anerkennung erscheinen uns zufällig?

• Wieviel Beachtung schenken wir uns selbst (Selbstachtung)?

• Können wir Anerkennung und Beachtung wirklich annehmen? Oder sind wir dauerhaft skeptisch?

• Wie "verführbar" sind Sie in Sachen Anerkennung?

 

SCHLUSSBEMERKUNG

Im Wissen um die positive Bedeutung der Rolle von Anerkennung und Beachtung scheint mir, dass wir uns erst in der Hinwendung und Auseinandersetzung mit dem, was uns eigentlicher interessiert (Interesse = Dabeisein) und dem, was unsere wirklichere Aufmerksamkeit fordert, von der Zufälligkeit und der Ausgeliefertheit an die vielfältigen Formen und Möglichkeiten des Ringens um Anerkennung und Beachtung lösen können. Wir können dann anders in unser Tun und Sein eingehen. Wir können unsere Beziehungen und Kontakte zu Menschen und zur Welt bei weniger Ringen um Anerkennung mehr gestalten und kreieren lernen.


LITERATUR

Büntig, W.: Persönlicher Vortrag
Busch, T.: Theoretische Aspekte und therapeutische Arbeit mit dem Selbst
Kohut, H.:Die Heilung des Selbst
Miller, A.: Grandiosität und Depression


Verfasser:

Dr. phil Thomas Busch
(7.10.1947- 30.4.2006)

Redaktion/Randbemerkungen:

Ina Citron
Ausbildungsinstitut - DG Kinästhetik
Althoffstr. 20 - 12169 Berlin

Ich danke Dr. Thomas Busch für die freundliche Überlassung des Fachartikels im Rahmen der beruflichen Weiterbildung für Kinästhetik-Trainer/innen und andere Unterrichtende körperorientierter Verfahren.